{"id":2182,"date":"2016-02-06T17:03:10","date_gmt":"2016-02-06T16:03:10","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=2182"},"modified":"2016-02-06T17:05:06","modified_gmt":"2016-02-06T16:05:06","slug":"entengeschnatter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=2182","title":{"rendered":"Entengeschnatter"},"content":{"rendered":"<p>Gestern Abend live auf France Musique l&#8217;Orchestre philharmonique de Radio France et Mikko Franck, en direct de l\u2019Auditorium de la Maison de la radio mit Werken von Fausto Romitelli, Thierry P\u00e9cou, Luca Francesconi et Henri Dutilleux.<\/p>\n<p>Nach dem Romitelli und w\u00e4hrend des St\u00fccks von P\u00e9cou wurde klar, dass ich \u00fcber dieses Konzert keine Notiz schreiben werde. Ich ertrug das zwanzigmin\u00fctige, \u00fcberaus nerv\u00f6se &#8222;Pausengespr\u00e4ch&#8220;, freute mich an der Musik von Francesconi im Werk &#8222;Bread, Water and Salt&#8220; und schlief dann ein. Hier verfiel ich in einen langen Traum, in dem ich mich \u00fcbers radikal tonale Komponieren von Dutilleux wunderte, der gem\u00e4ss Programm auf den Francesconi folgen sollte &#8211; im Traum war ich am selben Ort, also auf dem Sofa, mit derselben Musik auf den Kopfh\u00f6rern. Als ich mich \u00fcber die Musik wunderte, kam zuerst eine einzelne Ente zu mir ans Sofa, dann auch mehrere weitere. Zumindest die erste, ziemlich grosse, in der Gr\u00f6sse einer Gans, zupfte an meinen Kleidungsst\u00fccken, kam sogar hoch aufs Sofa, zupfte weiter, so nahe, dass ich ihren weichen, angenehmen und m\u00e4dchenhaften K\u00f6rper sp\u00fcrte, wurde aber aufdringlicher und biss regelrecht in den rechten Oberarm. Da auch andere Enten nun auf mir waren und sie allesamt an mir zupften, fand ich es an der Zeit, aufzuwachen. Obwohl kein Alkohol im Spiel war, torkelte ich \u00fcber den Bachtiar zum Tisch. Was f\u00fcr ein Erstaunen, dieselbe tonale Musik auch im wachen Zustand zu h\u00f6ren! Aber es war nicht Dutilleux, sondern Debussys La mer, und es folgte alsogleich die Radioabsage. Zum Teufel, die Aufregung gegen\u00fcber Dutilleux beruhte auf einem Missverst\u00e4ndnis! Sofort befragte ich mich \u00fcber die Abneigung gegen\u00fcber diesem Komponisten: wer ihn mit Debussy verwechselt, hat kein Recht, ihn abzulehnen. Da es sich bei La mer um eines der zwei &#8222;pi\u00e8ces diffus\u00e9es entre les oeuvres du concert, pendant les d\u00e9placements de l&#8217;orchestre&#8220; handelte, wurde das St\u00fcck von Dutilleux erst jetzt ausgestrahlt. Siehe da! Ich empfand diese Musik auch im selbstkritischen Zustand als l\u00e4rmig &#8211; und insbesondere als ohne Konzept, das man w\u00e4hrend des H\u00f6rens aufdr\u00f6seln k\u00f6nnte. Dieser negative Blick auf die \u00c4sthetik hat auch dann Bestand, wenn man die kompositorische Versiertheit im Kleinen, also das kompositorische Handwerk, anerkennt. Dutilleux ist \u00e4hnlich wie Richard Strauss begabt in H\u00fclle und F\u00fclle und scheitert wie dieser an der Unterlassungss\u00fcnde, die \u00c4sthetik im Hinblick auf Gesellschaft und Geschichte f\u00fcr das eigene Schaffen zu deuten und auszuformulieren. Beide ignorieren die Umwelt, in die sie zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen R\u00e4umen hineingeboren waren.<\/p>\n<p>Und doch war die gestrige Aggression gegen Dutilleux nicht allein aus seiner Musik erwachsen, sondern ein Effekt der Pausengestaltung der Radioredaktion von France Musique. Man hat hier immer noch nicht kapiert, dass der Kult des Pers\u00f6nlichen, wie er parallel zum Neoliberalismus sich entfaltete, an seri\u00f6sen Pl\u00e4tzen l\u00e4ngst zu Grabe getragen worden ist. H\u00f6rt man direkte Livekonzerte auf einem deutschen Sender, werden in der Pause Gespr\u00e4che \u00fcbertragen, die in der Probenarbeit vorher aufgenommen worden waren und im Detail also noch korrigiert werden konnten. Nicht so in Paris. Hier wird die Pause von einer \u00e4usserst gespannten Nervosit\u00e4t beherrscht, die alle Teilnehmenden zu Trotteln verk\u00fcmmern l\u00e4sst und dem Publikum regelm\u00e4ssig einen zwanzigmin\u00fctigen Frust verpasst. Denn die geforderte Spontaneit\u00e4t im Gespr\u00e4ch heisst nichts anderes als Verleugnung jeder intellektuellen Vorbereitung und Perspektive wie die Betonung des Pers\u00f6nlichen Verleugnung jedes Abstrahierungsverm\u00f6gens; beides zusammen l\u00e4uft auf einen dummen Konkretismus hinaus, der zwischen dem empirisch Einzelnen und dem gesellschaftlich Diskutierbaren nicht mehr unterscheidet. So gingen denn die Statements von Luca Francesconi im eigenen Entengeschnatter unter, weil er es im Lampenfieber wohl einfach nicht ertragen konnte, vor der Auff\u00fchrung seines grossen Werkes, das eben erst nach der Pause auf dem Programm stand, Vern\u00fcnftiges zur Sprache bringen zu m\u00fcssen (wem w\u00e4re das zu verargen?). Die Charakterisierung der eigenen Musik m\u00fcndete in kompletter Sinnlosigkeit, zu der er sich in einem normalen, vern\u00fcnftigen Gedankenaustausch wohl kaum hinreissen l\u00e4sst. Es muss klar sein heutzutage, dass man es mit zwei Begriffen der seriellen Musik zu tun hat, der reinen Technik, die nicht einmal ein Jahr lang die historische Diskussion beherrschte, und der Idee der seriellen Musik. So ist es langweilig, wenn das einer wie Francesconi ignoriert und freim\u00fctig daherplappert, er m\u00fcsse in seinem Komponieren wie jeder heute sich gegen die Vorherrschaft der seriellen Musik stellen. Er muss es n\u00e4mlich deswegen genauso sehr wie jeder andere komponierende Mensch, weil die serielle Musik einer Epoche angeh\u00f6rt, von der es noch nicht entschieden ist, ob sie f\u00fcglich schon an ihr Ende gekommen ist. Dass man als progressiver K\u00fcnstler gegen sie anschreibt und sich selbst schon im Neuen w\u00e4hnt, ist trivial (und setzt einen wohltuend von Dutilleux ab). Zu benennen in einem Gespr\u00e4ch w\u00e4re das Neue aber begrifflich, wenn man sich auf es berufen will. Gelungen ist dies aber bis heute in der Musik noch niemandem. Boulez bleibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Abend live auf France Musique l&#8217;Orchestre philharmonique de Radio France et Mikko Franck, en direct de l\u2019Auditorium de la Maison de la radio mit Werken von Fausto Romitelli, Thierry P\u00e9cou, Luca Francesconi et Henri Dutilleux. Nach dem Romitelli und w\u00e4hrend des St\u00fccks von P\u00e9cou wurde klar, dass ich \u00fcber dieses Konzert keine Notiz schreiben [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2182"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2182"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2182\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2184,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2182\/revisions\/2184"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2182"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2182"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2182"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}