{"id":208,"date":"2008-11-25T13:20:56","date_gmt":"2008-11-25T12:20:56","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=208"},"modified":"2008-11-25T15:28:49","modified_gmt":"2008-11-25T14:28:49","slug":"uwe-tellkamp-ein-kulturindustrieller-oder-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=208","title":{"rendered":"Uwe Tellkamp, ein Kulturindustrieller oder nicht"},"content":{"rendered":"<p>Der B\u00fcchergutschein des letzten Jahreswechsels konnte leicht durchs ganze Jahr gehortet werden, weil die Philosophie unt\u00e4tig erscheint und die Soziologie sich aus dem ungem\u00fctlichen \u00f6ffentlichen Raum zur\u00fcckgezogen hat. Ein Gespr\u00e4ch mit Uwe Tellkamp am Radio vor zwei Wochen \u00fcber sein Opus Magnum &#8222;Der Turm&#8220;, das soeben mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden ist, erweckte den Eindruck, einen Autoren kennengelernt zu haben, mit dessen Werk sich auseinanderzusetzen einen vielleicht aus der Lekt\u00fcreabstinenz, die beim sommerlichen Konsum der Bildermassen nicht zu beunruhigen brauchte, herauslocken k\u00f6nnte. Neben dem tausendseitigen Turm, der zurzeit die Lieraturliste(n) anf\u00fchrt, wurde gleichzeitig der Romanvorg\u00e4nger &#8222;Der Eisvogel&#8220; (2005) angeschafft, weil der unverh\u00fctbare Blick ins Internet \u00fcber dieses Werk mehr Seitenhiebe als Schmeicheleinheiten zutage f\u00f6rderte, was der Neugierde bekanntlich nur noch mehr Feuer gibt.<\/p>\n<p>Und in der Tat liest man nun von Uwe Tellkamp zwei Werke, die nicht unterschiedlicher zu bewerten w\u00e4ren. Der Eisvogel, \u00fcber dessen Titelsymbolik kaum Nachvollziehbares verlautet wird (45, 78ff, 186), ist nichts weniger als eines derjenigen Produkte, gegen die sowohl in diesem Roman wie auch im Turm und nicht zuletzt in Tellkamps Interviews voller Kraft angeredet wird: die Vorlage eines St\u00fcckes ziemlich seichter Fernsehunterhaltung. Die erste Zumutung ist der Hauptdarsteller. Vielleicht war dem Autoren einmal zu Ohren gekommen, dass es Leute mit einem Philosophieabschluss eher schwer haben, eine Lohnarbeit zu finden, sind sie erst einmal aus dem Universit\u00e4tsbetrieb herausgesp\u00fclt. Flugs leistet er sich die Unterstellung, ein solcher Mensch verkomme moralisch im Ressentiment und sei bald schon zum Letzten bereit, zur Aufgabe des verantwortungsvollen Denkens zugunsten einer Gier nach Mitgliedschaft in saudummen reaktion\u00e4ren Gesellschaftszirkeln. Ob sich Tellkamp dar\u00fcber wundert, dass sich ein paar RezensentInnen auf die Zehen getreten f\u00fchlen und ihm das auch zu verstehen geben wollen? Die Beschreibung der Beschaffenheit einer solchen Clique &#8211; von der immerhin stimmt, dass sie sozial unendlich in die Breite gehend begriffen werden m\u00fcsste, bis in die unmittelbare Nachbarschaft des gesellschaftlich Anerkannten hinein &#8211; ist die zweite substantielle Zumutung. Man w\u00fcnschte sich Tellkamp einmal \u00fcber soziologische Texte gebeugt. Die Sprechweise des Terroristenf\u00fchrers und dessen Schwester, in die sich der Protagonist verliebt, sowie der Professoren (nat\u00fcrlich ist auch sein Philosophiechef darunter, der ihn vor die T\u00fcre stellte, weil er zu antiaufkl\u00e4rerisch argumentieren w\u00fcrde), Politiker und Kirchenvertreter in diesem Verschw\u00f6rungstroupeau ist so hohl und idiotisch, dass man davon ausgehen muss, der Autor tappte t\u00e4ppisch in dickstem Nebel, wenn er sich eine Gesellschaft und die Abl\u00e4ufe in ihr vorzustellen habe. Dass bei den Beschw\u00f6rungen der grossen Kultur nur Bach und Mozart den Kopf herhalten m\u00fcssen, ist eine ungewollte Beleidigung auch der primitivsten Radio- oder Fernsehstationen, weil sie doch alles von Monteverdi bis Strauss in ihre Sauce unterzuziehen imstande sind und infolgedessen das niedere Publikum heute \u00fcber s\u00e4mtliche Passagen der Musikgeschichte orientiert w\u00e4re und dieselben unverbl\u00fcmt vom konservativen Kulturverst\u00e4ndnis angerufen werden k\u00f6nnen. Das Namedropping mit Bach und Mozart ist l\u00e4cherliches Fernsehkabarett, wenn doch Vivaldi, Beethoven, Schumann, Weber und Brahms kulturell dieselbe Funktion erf\u00fcllen. (Wie wundersam das Missverst\u00e4ndnis einen doch immer noch aus der Bahn werfen kann, in dem Plebejer meinen, erst dann auf dem Feld der Kultur zu debattieren, wenn sie einige Heroen und St\u00fccke aus ihr besonders werbewirksam hervorheben. Tellkamp h\u00e4tte dann sein Ziel erreicht, wenn eine Figur des Romans \u00fcber ein spezifisches musikalisches Problem irgendeines Werks aus der Musikgeschichte ernsthaft gesprochen h\u00e4tte, das ihn selbst interessiert; mit dem Vorschieben der M\u00fcllm\u00e4nner Bach und Mozart gibt er sich die Bl\u00f6sse, nur in der Kulturindustrie zuhause zu sein und von den ernsthaften Gebilden der Kultur, die es tats\u00e4chlich zu verteidigen gilt, keine Ahnung zu haben.) Zu diesen \u00c4rgernissen geh\u00f6ren noch die romaninternen Zeitverl\u00e4ufe, die beim besten Willen nicht durchwegs auf die Reihe zu bringen sind: Personen besprechen Vertrauliches, auch wenn sie einander noch gar nicht vertraut sein k\u00f6nnen. Vom Schlechten der Gehalte bleibt indes die Form verschont, in der \u00fcberzeugend der agierende Exphilosoph nach seiner Totschiessung des Terroristenf\u00fchrers und nach erlittenen schweren Brandwunden im Spitalbett das ganze Geschehen mit dem Vorlauf auch der Kindheit f\u00fcr den Gerichtsprozess in ein Ger\u00e4t diktiert, st\u00fcckweise unterbrochen durch die direkte Rede anderer Mitbeteiligter; es entsteht dadurch ein Gedankengewebe, das plausibel das besch\u00e4digte Bewusstsein eines Spitalpatienten entfaltet, das zwar nicht wenig vernebelt vorw\u00e4rts- und r\u00fcckw\u00e4rts man\u00f6vriert, formal aber doch sehr einleuchtend einen Einblick darin gew\u00e4hrt, wie so etwas Verquastes \u00fcberhaupt hat zustandekommen k\u00f6nnen. Formal, in keiner Weise inhaltlich. Denn die letzte Zumutung macht das Unternehmen vollends zum b\u00f6sen Fall: dass der Autor nicht zu erkennen gibt, ob es sich beim Verein nun wirklich um ein real sich vorzustellendes rechtsradikales Gebilde handelt oder um eine billige Theaterposse &#8211; und wie er selbst sich dazu verhalte. Der Autor w\u00e4re gut beraten, die Dialoge neu zu setzen und s\u00e4mtliche Signale auszublenden, die zeigen, dass das Personal des Eisvogels zwar konservativ und radikal antidemokratisch denkt, keineswegs aber als faschistisch zu denunzieren w\u00e4re. Eine Belastung durch diese schmierige L\u00fcge, als w\u00e4re rechts der herrschenden Rechten anderes als der Faschismus ausdenkbar, kann er sich als K\u00fcnstler nicht leisten &#8211; nicht weil wir so argw\u00f6hnisch w\u00e4ren und ihm auf l\u00e4ngere Zeit hin solches unterstellen wollten, sondern weil ihn die real existierende Rechte nur umso leichter in den Sack stecken w\u00fcrde. Es geh\u00f6rt wohl zu seinem Gl\u00fcck, dass die erste Verfilmung des Eisvogels nicht vom Fernsehen geleistet wurde, sondern von Jungspunden, die auf YouTube eine \u00fcberzeugende Interpretation deponieren, die man nicht weiter zu \u00fcberbieten braucht.<\/p>\n<p>Nichts zu \u00fcberarbeiten gibt es im Turm. Stilistisch ist dieses grosse Werk unspektakul\u00e4r, weil geradlinig und in einfacher, zuweilen banaler Sprache beschrieben wird. Die Literatur leidet nicht an der Empfindlichkeit der Musik, in der eine \u00c4sthetik schnell einmal zusammenbricht, wenn sie den Zusammenhang des intendierten Gehalts unterbricht, weil der sich nicht von einem festgelegten Stand des historisch gepr\u00e4gten Materials abgel\u00f6st gestalten l\u00e4sst. In ungebrochener Weise wird die Lekt\u00fcre zu erkenntnisreichen Einblicken und Einsichten in die Denk- und Verhaltensweisen einer Gesellschaftsschicht in Dresden ein paar Jahre vor bis knapp zum Mauerfall 1989 hingef\u00fchrt, die sowohl mit der Kunst, der Medizin, den Natur- wie peripher auch mit den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften, gewollt und ungewollt aber auch mit der Machtaus\u00fcbung direkt verbandelt ist. Ich spreche aus der Warte eines Schweizers, einer Art des Tellenk\u00e4mpens, die sprachlich nur wenig von der DDR entfernt ihr Leben f\u00fchrte, doch ohne Fernseher und ans\u00e4ssige Verwandte nur wenige M\u00f6glichkeiten hatte, sich mit dieser Gesellschaft auseinanderzusetzen, zumal das fehlende Kulturabkommen Reisen erschwerte und Studienaufenthalte verunm\u00f6glichte, wenn sie nicht dem Verfolgen einer Einzelfrage galten, meist im Bereich der Germanistik. Falls denn je ein Interesse mehr als eine Laune \u00fcberdauerte, verschwand die DDR als Gesellschaft wie alle L\u00e4nder des politischen Ostens im Dunst von Lebensweisen gef\u00fchrt in einer grauen Schuhschachtel aneinander vorbei, aus der nur die Nachrichten \u00fcber Dissidentenschicksale Informationsgehalte freisetzten, die dann allerdings auch theoretische Diskussionen zu streifen vermochten. Ein Bild der Gesellschaft, in dem der Existenz der Einzelnen h\u00e4tte Rechnung getragen werden k\u00f6nnen, ergab sich nie. Nichts weniger als dieses Gem\u00e4lde pr\u00e4sentiert nun Tellkamp, und zumal Walliserprobte f\u00fchlen sich hier schnell wie zuhause, da sie auf Schritt und Tritt ihren bewunderten Suonen zu folgen meinen, ihren Wasserleiten mit den nunmehrigen Dresdener Namen Wolfsleite, Weinleite, Holl\u00e4ndische Leite, Mondleite, Plattleite, Rissleite etc.; aber auch ein M\u00fclti erscheint (736), ja sogar eine Viper, wenigstens dem Namen nach. Wenn schliesslich im Umland Dresdens die Kartoffeln als Apern verspiesen werden (438), bekommt man hierzulande Appetit auf H\u00e4pere. Das sind nur Spielereien, und eine Rezension k\u00f6nnte sie leicht nur deswegen in den Vordergrund schieben, um darunter dem Ganzen den Boden desto leichter wegzuziehen. Nein. Dass solche \u00c4usserlichkeiten im Ged\u00e4chtnis bleiben, zeugt gerade von der Tragf\u00e4higkeit des Ganzen, in dem sie \u00fcberhaupt bemerkt werden. Die F\u00fclle der Einzeldinge, die auch dann mit Sorgfalt zur Sprache kommen, wenn sie keine dramatische Funktion erleiden m\u00fcssen, ruht in einem komplexen Ganzen, das nicht konstruiert ist, sondern in seiner Lebendigkeit vom Autor peu \u00e0 peu erkundet wird. Noch ausserhalb des Romanwerks, auf der inneren doppelten Umschlagsseite, zeigt eine Skizze die Hauptpl\u00e4tze des Geschehens in den drei Teilen a) Quartier der Turmstrasse weit entfernt im Osten des Stadtzentrums, \u00f6stlich davon b) die Elbe mit ihren Bauten in Ufern\u00e4he und ein paar Br\u00fccken und noch weiter \u00f6stlich c) Ostrom als eine die amerikanische Gegenwart vorwegnehmende Secure City der Nomenklatura nicht ohne ein paar Sonderpl\u00e4tzen des Romans, die entschieden ausserhalb Dresdens liegen, wenn denn, wie das h\u00f6llische Samarkand, \u00fcberhaupt irgendwo. Ein Blick \u00fcber Google&#8217;s Schulter zeigt schnell, dass hier nicht alles wie vom Zeichner angegeben im Massstab 1:1001 genommen werden darf, zumal er die Frechheit besitzt, die Nordrichtung festzuschreiben. Soll die Drahtseilbahn (neben welcher ganz in der N\u00e4he noch eine Schwebebahn existiert) richtig positioniert werden, muss Tellkamps Skizze um 110\u00b0 westw\u00e4rts gedreht werden, wodurch die Elbe im Norden des Quartiers statt im S\u00fcden zu fliessen k\u00e4me. Die Signale sehen wir klar: die Elemente des Vorgef\u00fchrten entstammen der Wirklichkeit, ihr konkreter Zusammenhang ist in k\u00fcnstlerischer Freiheit konstruiert, nicht zuletzt daraufhin, damit die Mentalit\u00e4ten in ihrer Br\u00fcchigkeit lebendig und eben nicht konstruiert erscheinen k\u00f6nnen. Aus der geografischen Distanz lassen sich einige Dinge nicht auf ihre empirischen Entsprechungen hin \u00fcberpr\u00fcfen, ob es zum Beispiel in der Tat Wohnquartiere wie Ostrom gegeben hat, die milit\u00e4risch abgeschlossen nur dank zeitlich beschr\u00e4nkter Aufenthaltsscheinen und st\u00e4ndigem Passwortabfragen besucht werden durften; einige indes leichter gerade aus der Ferne. Das \u00f6rtliche Zentrum des Romans ist die Turmstrasse, um die herum gruppiert die verschiedenen Akteure wohnen, nie einzeln in einem Haus, sondern mehrere Familien, Paare und Singles zusammengesperrt in den alten Villen, die mehr als Bruchbuden erscheinen denn als Objekte des sozialen Prestiges (als welche sie nichtsdestotrotz in Wirklichkeit galten). Legt man die gedrehte Skizze \u00fcber einen publizierten Plan Dresdens und folgt der Turmstrasse, verbirgt sich in Tat und Wahrheit dahinter die Plattleite. Plattleite? Tellkamps Verr\u00e4tselung ist leicht auf die Schliche zu kommen: Hinter den Leuten vom Turm stehen die von der Platte, die Blatters in allen ihren Formen, als die Aufdenplatten oder, man ahnt es doch endlich, die Supersaxo als die H\u00f6chsten und zugleich Dunkelsten des Wallis, die ihr Spiel hier treiben in Sachsens Dresden, und bekennt nicht einer der drei Protagonisten mehrmals, sich in der Schweiz am wohlsten zu f\u00fchlen, der S\u00e4chsischen? Ist man sich erst einmal \u00fcber das Spiel mit der Materialit\u00e4t im klaren, kann man sich ganz den Triebkr\u00e4ften der Handlungen, Widerstreite und Reflexionen hingeben, wie sie im Verlauf dieser Jahre sich teils unterschiedlich, teils auf ein einziges Ziel hin, dass der graue Staat der DDR sich so radikal wie irgend denkbar \u00e4ndere, entfalten. Und das ist die bewundernsw\u00fcrdige Leistung Tellkamps: dass man den Dingen ohne Widerstreben folgen will und die ganze Dynamik Dresdens dieser Jahre in extenso als glaubhaft erf\u00e4hrt. Doch trotz der durchg\u00e4ngig \u00e4usserst beeindruckenden und spannenden Lekt\u00fcre sollen wenigstens zwei Punkte kritisch erw\u00e4hnt werden, von denen der zweite gegen\u00fcber Tellkamp nun schon zum zweitenmal vorgetragen wird. Das Autorit\u00e4re der heutigen Gesellschaften zeigt sich unter anderem in der Allgegenwart des Milit\u00e4rs. Diesbez\u00fcglich geschieht eine grosse Partie des Turms zun\u00e4chst in einem paramilit\u00e4rischen Ferienlager des jungen Hauptakteurs, dann w\u00e4hrend seiner wegen eines Ausrufs in ung\u00fcnstigem Moment durch eine ungemein brutale Strafe auf vier Jahre ausgedehnten Milit\u00e4rdienstes. Wer in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Milit\u00e4rkaserne aufgewachsen ist, braucht keine Soziologie, um zu verstehen, wie das tr\u00e4ge Bewusstsein \u00fcber den Tisch gezogen wird. Nur zu schnell ist einer, der beim Ausblick aus der Wohnstube zusieht, wie die milit\u00e4rischen Frischlinge sich unf\u00e4hig geb\u00e4rden, wenn sie einen Purzelbaum oder eine Rolle zu schlagen haben, zum einverst\u00e4ndigen Murmeln bereit, wenigstens dazu sei der Milit\u00e4rdienst ja zu gebrauchen. Erst sp\u00e4t, da man schon an des Autors Haltung gegen\u00fcber dem Milit\u00e4rischen zu zweifeln beginnt, kippt die Szenerie ins Gespenstische, als die ungerechtfertigte, ewig dauernde Strafe den Dienst ausschliesslich als H\u00f6lle zeigt. Die zweite Kritik zielt nicht auf die Gehalte oder ideologischen Haltungen, sondern auf die \u00c4sthetik, und sie l\u00e4uft nicht so leicht ins Leere wie die erste. Ob aus falscher Scham vor der Allm\u00e4chtigkeit der Kulturindustrie oder aus Mangel an Wissen, l\u00e4sst sich nicht entscheiden, aber der Autor wagt es nirgends, \u00e4sthetische Gehalte zu Diskussionspunkten ausreifen zu lassen. Das Sp\u00e4sschen mit der Maxime einer sozialistischen Musiktheorie kommt erst am Schluss, z\u00fcndet aber immerhin ordentlich: Eins, zwei, drei, wieder &#8217;n Takt vorbei. (818) Wieso hat Tellkamp nicht nachgegriffen und die supponierte These \u00fcber den Haufen geworfen, weil sie doch, indem sie insgesamt eben zwei und nicht nur einen Takt beschreibt, furchtbar falsch geraten ist? Sehr fr\u00fch im Roman gibt es schon ein Zaudern, das Kopfsch\u00fctteln hervorruft: Es wird Wagner mit dem Tannh\u00e4user ins Spiel gebracht ganz ohne die Chance am Kopf zu packen, in Form von Zus\u00e4tzen \u00fcber seine Gesellschaftstheorie, die in bezug auf die DDR nicht uninteressant w\u00e4re, oder \u00fcber die Diskussion seiner \u00c4sthetik in diesem Land etwas zu sagen &#8211; war er doch nie wirklich Bayreuther, umgekehrt aber 150 Jahre vor dem Romangeschehen Dresdener Aufst\u00e4ndischer, um alsbald als Fl\u00fcchtiger ein halber Walliser, wenigstens ein versierter Kenner davon zu werden. Ich sage nicht, man m\u00fcsse eine Beziehung zwischen den Aufst\u00e4nden in Dresden vor nunmehr 170 Jahren und denjenigen Ende der 1980er Jahre herstellen und Richard Wagner mitten hinein als Antrieb in diese Vorg\u00e4nge setzen. Wenn aber die grosse Kunst st\u00e4ndig im Begriffe ist, angerufen zu werden, soll sie doch ruhig auch im Expliziten zum Zuge kommen d\u00fcrfen. Denn ist es nicht letztlich falsch, davon auszugehen, dass Menschen, die die Werke schon erfahren haben, in Momenten einer Auseinandersetzung mit Gespr\u00e4chspartnern oder umgekehrt in der Einsamkeit einer Gef\u00e4ngnis- oder sonstigen Isolation, etwa hospitalis propter, nicht ganz konkret den Werken entlang phantasieren und nur die Namen murmeln von James Joyce, Arno Schmidt u.a. wie Herbert Achternbusch? Joyce&#8217;s Werke sind W\u00fchlkisten von Kultur- und Kunstgebilden, mit denen sie sich auseinandersetzen, und die musikalischen sind so stark durchklingend, dass John Cage es scheinbar leicht fallen musste, aus dem Finnegans Wake ein Roaratorio zu schaffen. Schmidt gr\u00e4mte sich ernsthaft dar\u00fcber, dass die musikalische Welt mit ihm Down Town f\u00e4llt, so dass er nur mit grossem Lachen Kolderupchen dessen Schallplattensammlung dem kleinen Publikum mit Suse und Nipperli vorspielen liess (Schule der Atheisten 25 und dann jeden Abend wieder) &#8211; immerhin zeigte er Mut, Schmidt, gegen die Kulturindustrie, die ihm den Musikgeschmack mit Petula Clark diktieren wollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der B\u00fcchergutschein des letzten Jahreswechsels konnte leicht durchs ganze Jahr gehortet werden, weil die Philosophie unt\u00e4tig erscheint und die Soziologie sich aus dem ungem\u00fctlichen \u00f6ffentlichen Raum zur\u00fcckgezogen hat. 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