{"id":2036,"date":"2015-02-18T14:40:59","date_gmt":"2015-02-18T13:40:59","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=2036"},"modified":"2015-02-18T14:40:59","modified_gmt":"2015-02-18T13:40:59","slug":"spahlinger-eine-welle-anhalten-1987","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=2036","title":{"rendered":"Spahlinger, &#8230; eine Welle &#8230; anhalten &#8230; (1987)"},"content":{"rendered":"<p>Gestern Abend auf SWR2 live von der Urauff\u00fchrung 1987 (vielleicht auch von der CD):<\/p>\n<p>Mathias Spahlinger, &#8222;in dem ganzen ocean von empfindungen eine welle absondern, sie anhalten&#8220; f\u00fcr 3 Chorgruppen und Playback, SWR Vokalensemble Stuttgart, Leitung Klaus Martin Ziegler.<\/p>\n<p>Die Entwicklung der Technologien erlaubt es den Medien, alles von allen Orten jedem einzelnen zuzutragen. Jeder weiss, was los ist, wie es zu benennen w\u00e4re und wie man sich als vern\u00fcnftiger Mensch diesem Ganzen gegen\u00fcber zu verhalten h\u00e4tte. Ebenso ist klar, dass die Kunst keine neuen, zus\u00e4tzlichen Gehalte in ihre Rede aufnehmen kann, wenn man sie nicht als etwas Irrationales missverstehen wollte. Wie aber hat Kunst zu erscheinen, wenn sie diese historischen Gegebenheiten ungetr\u00fcbt im Blick halten und sich nicht quasi daneben einem anderen, abstrakteren Strom der Zeit \u00fcberlassen will?<\/p>\n<p>Das war Spahlingers Fragestellung in den 1980er Jahren, im Titel in die alte Herdersche sprachphilosophische Einsicht mit dem Bild transformiert, dass die gelingende Reflexion nicht bloss den einzelnen Empfindungen und Empfindungsstr\u00f6men folgt, sondern in derem ozeanischen, also riesigen Gesamtzusammenhang einzelne aktiv zu gewichten imstande ist &#8211; durch \u00e4usserste Aufmerksamkeit und \u00e4usserste Anstrengung. Was jeder weiss und keiner zur Kenntnis nimmt, ist der diskursive Gehalt des St\u00fcckes, der Hunger und die Armut in der Welt, derselbst gleichwie alle Momente des musikalischen Werks in ihrer Einzelheit reflektiert und den Auff\u00fchrenden als Partiturmaterialien pr\u00e4sentiert wird. Das f\u00fchrte in der Realisation zu enormen, indes wie anget\u00f6nt keineswegs unerwarteten, ungeplanten Schwierigkeiten.<\/p>\n<p>Einer der profiliertesten Ch\u00f6re sah sich mit Problemen konfrontiert, die \u00fcber einen langen, mehrw\u00f6chigen Zeitraum hinweg das Projekt regelrecht scheitern zu lassen drohten, weil in der Disparatheit und Kleinteiligkeit der Gesangs- und supplement\u00e4r geforderten Bewegungsmaterialien eine einheitliche \u00e4sthetische Idee sich nicht zeigen wollte, und den Playbackw\u00fcnschen gen\u00fcgten die vorsintflutlichen Computereinrichtungen desjenigen Studios, das zu Zeiten der analogen Aufnahme- und Bearbeitungstechniken am weitesten fortgeschritten war, mit den heute unvorstellbar winzigen Speichern und unausgegorenen Programmen nicht im geringsten. Trotzdem ist das Werk vollendet worden und mit Erfolg beim Publikum zur Auff\u00fchrung gekommen.<\/p>\n<p>Das St\u00fcck dauert ungef\u00e4hr 20 Minuten und wurde in der gestrigen Radiosendung nach einer halbst\u00fcndigen Zusammenstellung von Diskussionsausschnitten und Berichten von den Beteiligen aus dem Chor und der &#8222;computergesteuerten&#8220; Tonbandproduktion ausgestrahlt. Die Pointe des St\u00fcckes beim H\u00f6ren fast dreissig Jahre nach der Urauff\u00fchrung ist, dass es musikalisch als so gehaltsreich und sch\u00f6n empfunden wird wie andere aus der Zeit, die avanciert waren und auch dann Neues schaffen wollten, wenn sie nicht in direktem Mass Politisches ins Visier genommen hatten. Die Kunst muss nicht notwendigerweise politisch sein, da wir von der Schuld unserer politischen \u00d6konomien am Hunger in der Welt auch ohne Gang ins Konzert wissen, aber die Aktivierung des politischen Sensoriums unterst\u00fctzt die n\u00f6tige Aufmerksamkeit gegen\u00fcber ihren Materialien, deren \u00e4sthetische Darstellung das periphere Wissen vom empirischen Detail zu einem notwendigen allgemeinen &#8211; zu einem gesellschaftlichen transformieren l\u00e4sst. Wenn die Medien aufh\u00f6ren, den Kopf in den Sand zu stecken und endlich von neuem beginnen, die Sch\u00f6nheiten der Musik in die Welt zu tragen, steht der Glaube nicht mehr auf verlorenem Posten, dass die Kunst nicht nur Sch\u00f6nes herstellt, sondern auch Bewusstsein schafft, das gesellschaftlich zu wirken imstande ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Abend auf SWR2 live von der Urauff\u00fchrung 1987 (vielleicht auch von der CD): Mathias Spahlinger, &#8222;in dem ganzen ocean von empfindungen eine welle absondern, sie anhalten&#8220; f\u00fcr 3 Chorgruppen und Playback, SWR Vokalensemble Stuttgart, Leitung Klaus Martin Ziegler. Die Entwicklung der Technologien erlaubt es den Medien, alles von allen Orten jedem einzelnen zuzutragen. 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