{"id":1954,"date":"2014-12-01T16:16:29","date_gmt":"2014-12-01T15:16:29","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=1954"},"modified":"2014-12-01T16:16:29","modified_gmt":"2014-12-01T15:16:29","slug":"dialektik-der-entdeckermusik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=1954","title":{"rendered":"Dialektik der Entdeckermusik"},"content":{"rendered":"<p>Die erste Begegnung mit Edgard Var\u00e8se passierte in einem Luzerner Plattenladen, als beim Durchst\u00f6bern der Regale auf einer H\u00fclle pl\u00f6tzlich der Name desjenigen Autors vor mir stand, von dem der Spruch auf allen damaligen Zappaplatten stammte, &#8222;The present-day composer refuses to die&#8220;: der Komponist von heute muss notwendigerweise auf die Gesellschaft reflektieren und kann nicht bruchlos die k\u00fcnstlerische Arbeit da fortsetzen, von wo er sie als Sch\u00fcler gelernt hat. Die Platte enthielt, von Marius Constant dirigiert, die zwei grossen Orchesterst\u00fccke Am\u00e9riques und Arcana. Das fr\u00fcher entstandene Am\u00e9riques existierte nur in der zweiten Fassung, die Var\u00e8se schnell nach der Urauff\u00fchrung herstellte, weil er die Peinlichkeiten in ihr endlich erkannte. Ich eignete mir s\u00e4mtliche Schriftst\u00fccke an, die irgendetwas mit Var\u00e8se zu tun hatten &#8211; eine Sehnsucht nach der ersten Fassung von Am\u00e9riques hat sich darauf hin nie eingestellt. Als in den neunziger Jahren die Rekonstruktion und Publikation der Urfassung angek\u00fcndigt wurde, wurde mir, in Kenntnis der Umst\u00e4nde, mulmig zumute, und die Doppel-CD von Chailly best\u00e4tigte dann die Bef\u00fcrchtungen, obwohl die CD als Ganzes nat\u00fcrlich ein grosser Wurf ist, nota bene inklusive der Realisation von Ur-Am\u00e9riques.<\/p>\n<p>2007 dirigierte Ingo Metzmacher im strategischen Couple von Richard Strauss Ein Heldenleben (eine Urfassung vor 1898) und von Var\u00e8se Ur-Am\u00e9riques (1922), eine Studioeinspielung mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, die ohne Angaben verz\u00f6gert erst 2014 ver\u00f6ffentlicht worden ist. Ein Heldenleben ist im Doppelsinn eine Art Best-of von Strauss, weil der Komponist aus enorm vielen eigenen Werken zitiert und weil das Werk f\u00fcr mich auch als eines seiner besten dasteht. Ein nerviges Moment der Straussschen \u00c4sthetik zeigt sich darin, dass er sich regelrecht vor dem Klang f\u00fcrchtet und alle Konflikte, auf die er harmonisch wagemutig zusteuert, mit Melodien oder Signalen in Luft aufl\u00f6st &#8211; mit musikalischen Phrasen, die wahrlich zwanghaft einem Konkretismus unterstehen. Im Heldenleben erscheinen sie wie vom Bann befreit, und selbst die Zitate aus dem Eulenspiegel, der in den holzschnittartigen Signalen \u00fcbel erstarrt, goutiert man, mit einer gewissen Genugtuung dar\u00fcber, dass Strauss das progressivere Komponieren sehr wohl beherrschte, wenn er nur wollte.<\/p>\n<p>Als in den 1990er Jahren die Urfassung von Am\u00e9riques durch Klaus Angermann zug\u00e4nglich gemacht wurde, war es bereits damals Metzmacher, der sie zum ersten Mal nach 1927 wiederauff\u00fchrte. 2007 musste ihm Var\u00e8se in allen seinen Facetten vertraut sein wie kaum einem anderen Dirigenten. Die Interpretation auf der CD darf dann wohl als Nonplusultra gelten, und nichts beim H\u00f6ren k\u00f6nnte diese Qualifizierung in Frage stellen. Man muss sich der Herausforderung also stellen: was dachte sich der Straussianer Var\u00e8se, als er Am\u00e9riques konzipierte, und was geschah im unmittelbaren Prozess nach der Urauff\u00fchrung, der zur genialen und antistraussischen zweiten Fassung f\u00fchrte?<\/p>\n<p>Da mir aus anatomischen Gr\u00fcnden Archivalien in den untersten und in den obersten Ablagen der B\u00fcchergestelle ab Kinnh\u00f6he nur mit M\u00fche zug\u00e4nglich sind, h\u00f6re ich mir diese Interpretation ohne Partitur an (ich habe nur diejenige der zweiten Fassung), ab und zu den Z\u00e4hler des CD-Players im Auge. Auff\u00e4llig ist, wie die erste Fassung gr\u00f6sser ist bez\u00fcglich des instrumentalen Raumes, geringer aber in der Zeitdauer. Sie wirkt subjektivistischer und gar egomanischer, insbesondere ist ihr Schluss nur laut und nichts dar\u00fcber hinaus. Entscheidend ist aber, dass in der zweiten Fassung die Straussschen Seitentriebe des Melodischen weggeschnitten sind und in einer Passage, die Strauss selbst fast h\u00e4tte alleine schreiben k\u00f6nnen, das Ganze \u00fcberhaupt: in den Minuten 14.5 bis 18.5 leistete sich Var\u00e8se eine veritable En-bloc-Resektion. H\u00e4tte man die Augen auf dem Text der zweiten Fassung, m\u00fcsste es auch einem ge\u00fcbten Partiturenleser schwierig sein, den Anschluss zu packen. Es brauchte Courage, in einem 25min\u00fctigen St\u00fcck f\u00fcr Riesenorchester tel quel vier Minuten auf den Misthaufen zu werfen (nebst vielem Beigem\u00fcse). Ein guter Komponist h\u00e4tte sich den signalhaften Aussen\u00e4sten und melodi\u00f6sen Zweiglein gewidmet, und er h\u00e4tte mit ihnen sch\u00f6nere \u00dcberg\u00e4nge gestaltet. Doch Var\u00e8se war und blieb ein schlechter Komponist. Das ist es, was wir in der Gegen\u00fcberstellung zu Strauss, dem Radikalbegabten, lernen m\u00fcssen und was uns mit dieser CD, sofern wir nur die zweite Fassung von Am\u00e9riques in allen ihren Winkeln ged\u00e4chtnism\u00e4ssig in den Ohren haben, gelingt (f\u00fcr Anf\u00e4nger ist sie ungeeignet). Erst wenn dem Gestr\u00fcpp sch\u00f6ngeistiger Melodien der Garaus gemacht wird, machen sich der Musiker und die Musikerin auf den Weg, neue Welten zu entdecken und werden sie dieselben dem Publikum auch zug\u00e4nglich machen k\u00f6nnen. Diese Arbeit in der Kunst hat dann mit Richard Strauss, und sei er ein noch so guter Komponist gewesen mit noch so viel Ansehen bei den J\u00fcngeren, nicht das geringste mehr zu tun.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die erste Begegnung mit Edgard Var\u00e8se passierte in einem Luzerner Plattenladen, als beim Durchst\u00f6bern der Regale auf einer H\u00fclle pl\u00f6tzlich der Name desjenigen Autors vor mir stand, von dem der Spruch auf allen damaligen Zappaplatten stammte, &#8222;The present-day composer refuses to die&#8220;: der Komponist von heute muss notwendigerweise auf die Gesellschaft reflektieren und kann nicht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1954"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1954"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1954\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1955,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1954\/revisions\/1955"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1954"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1954"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1954"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}