{"id":191,"date":"2008-06-03T16:32:23","date_gmt":"2008-06-03T15:32:23","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=191"},"modified":"2008-06-03T17:49:12","modified_gmt":"2008-06-03T16:49:12","slug":"aug-in-aug-mit-dem-angelus-novus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=191","title":{"rendered":"Aug in Aug mit dem Angelus novus"},"content":{"rendered":"<p><a title=\"Angelus novus 2006\" onclick=\"window.open('angelus-novus.htm','Name','toolbar=no,status=no,menubar=no,width=1247,height=768');return false\" href=\"angelus-novus.htm\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/bilder\/angelus-novus.jpg\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Engel der Geschichte, der als Bild Klees mit dem Namen Angelus novus (1920) Walter Benjamin geh\u00f6rte, von dem er via Bataille zu Scholem und von diesem ins Israel Museum in Jerusalem gelangte, ist seit vorgestern und noch bis \u00fcbermorgen im Berner Paulkleezentrum nicht nur zu sehen, sondern wegen des diskursiven Gehalts, den er 1940, den Schock \u00fcber den Verrat der Revolution durch Stalin best\u00e4tigend, freigesetzt hat, vielmehr auch zu bestaunen. Man tritt in einen drei Meter hohen schwarzen, geschlossenen aber ziemlich grossfl\u00e4chigen Raum ein, wo das Bild am anderen Ende direkt vis-\u00e0-vis auf Kopfh\u00f6he h\u00e4ngt, nur schwach beleuchtet, und selbst diese schwache Beleuchtung teilt ihre Zeit mit Unterbr\u00fcchen v\u00f6lliger Lichtlosigkeit. Es ist bunter, als ich es von Reproduktionen oder vom Internet her kenne, und die Zeichnung selbst etwas h\u00e4sslicher als erwartet. Das Bild ist mit mehr als doppelt so vielen anderen Bildern und Filmw\u00e4nden umgeben wie auf der Skizze oben eingetragen; gef\u00fcllt sind auch die beiden Seitenw\u00e4nde, und, nicht \u00fcberm\u00e4ssig, der Raum selbst mit Vitrinen, Objekten und weiteren Videostationen. Links neben ihm ist eine ungef\u00e4rbte Studie mit demselben Motiv; wegen den bislang nicht erlebten Farbt\u00f6nen verf\u00fchrt das Original zu einer ernsten l\u00e4ngerw\u00e4hrenden Betrachtung, die indes nicht wenig irritiert wird durch ein Auto, das unmittelbar dahinter, also an der Seitenmauer des Kleemuseums vorbeif\u00e4hrt. Nach mehreren Minuten merke ich, dass dieses akustische Ereignis nur in einem der vielen Filme, die im Raum ablaufen, vonstatten geht. Das ist wie zuhause im Internet, wo man kaum noch auf Seiten st\u00f6sst, die einen nicht durch eine infantile Werbung ablenken und einem das Denken rabiat ausl\u00f6schen wollen. So schaue ich sie mir an, auch die Bilder, Picasso (passend), Hodler (wozu?), W\u00f6lfli (wozu?), etc. Aus den Filmen Gewalt und immer wieder nur Bl\u00f6dheit, das Verlorene Paradies (Lost Paradise &#8211; Der Blick des Engels, wie die Ausstellung im Ganzen heisst). Die Bilder, Filme und Objekte kl\u00e4ren nicht viel auf, aber sie st\u00f6ren auch nicht, und man gew\u00f6hnt sich schnell an die Atmosph\u00e4re, in der der Angelus novus ganz angemessen sich betrachten l\u00e4sst und gut seine Wirkung auf einen aus\u00fcben kann. Mit tamilisch-schweizerischer P\u00fcnktlichkeit wird knapp nach sieben Uhr ein Stromkabel ausgelegt, das einen Staubsauger n\u00e4hrt, der nun gem\u00e4chlich seine Runden zieht. Die Filmger\u00e4usche zerbr\u00f6seln unter dem einf\u00f6rmigen Ger\u00e4usch des windigen Putzger\u00e4tes. Der Vorgang entspricht nicht ganz der Intention Benjamins &#8211; und es ist l\u00e4ngst sein Engel, nicht der von Klee &#8211; die Idee der Gleichf\u00f6rmigkeit einer Zeit, in der Geschichte passieren w\u00fcrde, ausser Kraft zu setzen; um so leichter macht er deutlich, dass Benjamins Haltung kaum mehr die unsere ist. Seine Insistenz darauf, dass man \u00fcber Zeit tel quel sprechen k\u00f6nnte und dass sie in der Geschichte als uneinf\u00f6rmig zu verstehen sei, rechnet damit, dass derjenige eingreift, der die Katastrophen, die der Fortschritt mit sich bringt, als medial mitgeteilte erf\u00e4hrt, wo sie gedeutet werden als Momente des Fortschritts, als Momente derjenigen Verh\u00e4ltnisse, die ihn antreiben. Nie hatte es eine historische Phase oder eine Gesamtgesellschaft gegeben, in der so viel Fortschritt wie heute passierte und ein Bettler, wie ich selbst, von ihm in so hohem Masse profitierte. Obwohl im Fahrwasser der Fortschritte die Katastrophen an Gr\u00f6sse stetig zugelegt haben &#8211; man kann die inflation\u00e4re Zahl der Menschen nicht mehr aussprechen, die unmittelbar wegen den existierenden gesellschaftlichen Praktiken t\u00e4glich den vorzeitigen Tod erleiden m\u00fcssen &#8211; und obwohl die Medien professionell t\u00e4glich von ihnen den KonsumentInnen Bericht erstatten, haben wir weltweit Gesellschaften, in denen die H\u00e4lfte der W\u00e4hlenden denjenigen zujubeln, \u00fcber die nicht der geringste Zweifel besteht, dass sie als die Akteure und Urheber der Katastrophen zu gelten haben. Dieses Ruin\u00f6se der inneren Natur korrespondiert mit dem drohenden vorzeitigen Versagen der \u00e4usseren, in dem die Geschichte ist &#8211; als ihre beschr\u00e4nkte eigene Zeit. Statt die Aufkl\u00e4rung vorw\u00e4rts zu treiben und den Menschen das Nachdenken erst einmal m\u00f6glich zu machen, geb\u00e4ren die Medien fortlaufend das unendlich Viele, in dem das eine vom anderen ablenkt, um auch das Katastrophische vergn\u00fcglich zu machen. W\u00e4ren die grausligen Fernsehsender f\u00fcr einmal wie im Paul Klee Zentrum morgens um sieben Uhr stillgestellt und mit ihnen die abstruse Hoffnung der Rede an die Verdooften durch sie, m\u00f6chte langsam die Einsicht sich entfalten, dass nicht nur verschiedene Zeiten in der Geschichte zugegen sind, sondern dieselbe, ganz un\u00e4hnlich der Idee der Zeit, der Natur und ihrer monstr\u00f6sen Gleichg\u00fcltigkeit, der \u00e4usseren wie der inneren, ausgesetzt ist. Vielleicht st\u00fcnde der Engel der Geschichte nicht wieder so lange betreten im Israel Museum zu Jerusalem.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Engel der Geschichte, der als Bild Klees mit dem Namen Angelus novus (1920) Walter Benjamin geh\u00f6rte, von dem er via Bataille zu Scholem und von diesem ins Israel Museum in Jerusalem gelangte, ist seit vorgestern und noch bis \u00fcbermorgen im Berner Paulkleezentrum nicht nur zu sehen, sondern wegen des diskursiven Gehalts, den er 1940, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/191"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=191"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/191\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=191"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=191"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=191"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}