{"id":182,"date":"2008-03-21T21:54:11","date_gmt":"2008-03-21T20:54:11","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=182"},"modified":"2008-03-21T21:54:11","modified_gmt":"2008-03-21T20:54:11","slug":"leopold-bloom-uli-isses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=182","title":{"rendered":"Leopold Bloom (Uli isses)"},"content":{"rendered":"<p>Bis vor nicht sehr langer Zeit war das Wissen \u00fcber den Alltagsmenschen eine Terra incognita auf den Landkarten der Wissenschaften und der Philosophie, und auch der Alltagsmensch selber tr\u00e4umte immer davon, wie es doch w\u00e4re, Recht auf Einsicht ins gew\u00f6hnliche Verhalten und in die Vorstellungswelten der n\u00e4chsten und der weiter entfernten Nachbarn bekommen zu d\u00fcrfen. Inzwischen ist dasselbe da, und es ist so weit wie nur vorstellbar ausgebreitet, alle Einschr\u00e4nkungen auf die Dom\u00e4nen der Wissenschaften und der Philosophie hinter sich lassend. Auf den privaten Homepages war nur z\u00f6gerlich etwas zu erfahren, und auch die Blogs sind f\u00fcr die gew\u00f6hnliche Masse immer noch zu kompliziert in der Bewirtschaftung, weil in ihnen mindestens am Rande auch sprachliche Beitr\u00e4ge erwartet werden. Auf Google&#8217;s Picasa schauen die Verh\u00e4ltnisse nun ganz anders aus. Selbst wenn nach ganz eigent\u00fcmlichen, geografisch abseitigen und intellektuell eher wenig bekannten Objekten gesucht wird, ger\u00e4t man unverhofft mitten in Fotoalben von Einzelnen hinein, in denen Ausschnitte aus dem Alltag mit ihren Alltagsbekanntschaften aus dem Berufs-, Freizeit- oder Studienleben zur Darstellung gelangen. Doch was f\u00fcr ein Erwachen einem da nun widerf\u00e4hrt! Was f\u00fcr eine Qual der Einsicht, dass bei allen dasselbe zu be\u00e4ugen w\u00e4re, bei Jungen, bei Alten, bei \u00d6stlichen und Westlichen, Weiblichen und M\u00e4nnlichen, Lustigen und Frustrierten, Politischen und Sportlichen. So langweilig erscheint der Mensch, wenn er nur Mensch zu sein scheinen will, keinen Deut interessanter und abwechslungsreicher als die Individuen oder Einzelexemplare einer Tiergattung. Wer im Konsum sich dem Sprechen entzieht und nichts tut, das seiner Sichtweise auf die Welt eine Gestalt verleiht, die andere wahrnehmen k\u00f6nnen, leistet nur den einen Beitrag ans Leben, das zu st\u00e4rken, was es ausl\u00f6scht, die Anerkennung des kulturindustriellen Einerleis. Bloom hatte im langen Text von Joyce nichts weiteres zu tun als die \u00e4usseren Ereignisse denkend zu begleiten, um das Besondere im Gew\u00f6hnlichen begreifbar zu machen. Im Zuge des Ausbaus der Vielf\u00e4ltigkeiten in den Medientechnologien sackt der gew\u00f6hnliche Mensch, von dem wir jetzt, nach Picasa, wissen, dass wir alle als dieselben Idioten dastehen, wie eine leere H\u00fclle in sich zusammen, wenn er das nicht nach aussen zu kehren versucht, das ihn auch im Innern nicht mehr als Individuum erscheinen lassen will. Man ist heute h\u00e4ufiger ein Jasager als fr\u00fcher, weil es schneller gegen aussen sichtbar wird, dass man sich der Anstrengung des gew\u00f6hnlichen und also kritischen Nachdenkens durch Tr\u00e4gheit entziehen will. Das ist weder als eine griesgr\u00e4mige Beobachtung \u00fcber die Faulheit des Menschen im allgemeinen noch als unangemessene Einsch\u00e4tzung zu bewitzeln, die nur den Teufel an die Wand malt; erscheint der Mensch tel quel, also der Alltagsmensch im besonderen, in den Gebilden, die gesellschaftlich entstehen, als Leerheit, f\u00e4llt es den Niedertr\u00e4chtigen nur um so leichter, die lebendigen Einzelmenschen in ihrem Tun, das gegen sie gerichtet ist, ohne Widerst\u00e4ndigkeit zu ignorieren und schliesslich zu opfern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis vor nicht sehr langer Zeit war das Wissen \u00fcber den Alltagsmenschen eine Terra incognita auf den Landkarten der Wissenschaften und der Philosophie, und auch der Alltagsmensch selber tr\u00e4umte immer davon, wie es doch w\u00e4re, Recht auf Einsicht ins gew\u00f6hnliche Verhalten und in die Vorstellungswelten der n\u00e4chsten und der weiter entfernten Nachbarn bekommen zu d\u00fcrfen. 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