{"id":180,"date":"2008-03-21T06:05:34","date_gmt":"2008-03-21T05:05:34","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=180"},"modified":"2008-03-22T07:45:39","modified_gmt":"2008-03-22T06:45:39","slug":"brockes-passion-von-stolzel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=180","title":{"rendered":"&#8222;Brockes-Passion&#8220; von St\u00f6lzel"},"content":{"rendered":"<p>Gestern Abend auf Radio DRS2 die &#8222;Brockes-Passion&#8220; von Gottfried Heinrich St\u00f6lzel f\u00fcr den Karfreitag 1725 geh\u00f6rt, und noch morgens um Vier ist das Werk frisch im Kopf. Erstaunlich, dass Musik aus der Bachzeit so tiefe Spuren zu hinterlassen vermag, \u00fcblicherweise geschieht es eher mit solcher weit vor oder weit nach Bach &#8211; oder dann aus geographisch und kulturell entlegenen R\u00e4umen. Dass diese Musik so aktuell und modern klingt, zuweilen, jedenfalls gegen den Schluss hin, wie in einem Konzert der Mothers, deren Dirigent bekanntlich auch einen Namensvetter aus St\u00f6lzels Nachfolgezeiten hatte, Francesco Zappa, ist auch der Interpretation durch die Schola Cantorum Basiliensis mit J\u00f6rg-Andreas B\u00f6tticher geschuldet, deren Virtuosit\u00e4t und quasi experimentelle Stilsicherheit dem Zuh\u00f6ren ein Biotop gew\u00e4hren, in dem es sich unabgelenkt auf die F\u00fclle neuer Einzelereignisse und unvorhergesehener Wendungen einlassen durfte, ohne dass das Ganze, wie bei \u00e4hnlicher Musik noch vor dreissig Jahren, wie ein verstaubtes M\u00f6belst\u00fcck h\u00e4tte dastehen m\u00fcssen. Man kann jede Singstimme und jedes Instrument eigens hervorheben, und man k\u00f6nnte an vielen Stellen zeigen, durch was in der Komposition und durch welche subjektive Leistung in der Interpretation dieses musikalische Werk zu z\u00fcnden vermag. Mischt sich auch, wie im alten Akt des Komponierens intendiert, Ergriffenheit durch die textliche Vorlage des Dichters Barthold Heinrich Brockes hinzu? Wenn das Ziel der Menschheit darin bestehen soll, das Opfer abzuschaffen, ist das gr\u00f6sste Opfer in dieser einen Religionskultur wohl immer noch verstandes- und gef\u00fchlsm\u00e4ssig bewegend, im gr\u00f6sseren Zusammenhang aber nur eine Erz\u00e4hlung, die ein Weitergehen blockiert. Was unmittelbar bewegt, ist der Ernst, mit welchem diese Geschichte in ein Werk gefasst werden und wie es eine Gesellschaft geben konnte, die sich davon ernsthaft bewegen liess. Gelingt die Transformation des Opfers in die Kunst, kann darauf gehofft werden, dass die Opferungen im Alltag, die nur die Kehrseite und das innere Band der menschlichen Niedertracht darstellen, als gew\u00f6hnliche gesellschaftliche Arbeit erscheinen d\u00fcrfen und die Hilfsprogramme gegen die Niederlagen in der Weltgeschichte als normale Arbeit hin zu vern\u00fcnftigen Gesellschaftsverh\u00e4ltnissen, wo keiner den Niedertr\u00e4chtigen abgeben kann, weil mit keinem mehr als Opfer gerechnet werden muss. Trotz der Anh\u00e4ufung allerh\u00f6chster bewundernsw\u00fcrdiger Kunstwerke nach der Zeit von St\u00f6lzel kann in einer Epoche der kulturindustriellen Produktion, die auf diejenige der religi\u00f6sen Erz\u00e4hlungen folgte, von einer Verwandlung des Opfers in die Kunst nur mit \u00e4usserster M\u00fche die Rede sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Abend auf Radio DRS2 die &#8222;Brockes-Passion&#8220; von Gottfried Heinrich St\u00f6lzel f\u00fcr den Karfreitag 1725 geh\u00f6rt, und noch morgens um Vier ist das Werk frisch im Kopf. 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