{"id":1778,"date":"2014-04-28T06:40:34","date_gmt":"2014-04-28T05:40:34","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=1778"},"modified":"2014-04-29T16:10:52","modified_gmt":"2014-04-29T15:10:52","slug":"maurice-chappaz-lesebuch-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=1778","title":{"rendered":"Maurice Chappaz Lesebuch 2012"},"content":{"rendered":"<p align=\"center\">Maurice Chappaz, In Wahrheit erleben wir das Ende der Welt, Herausgeber Charles Linsmayer, Verlag Huber 2012.<\/p>\n<p>Das biographische Nachwort ist nicht besonders diskussionslustig abgefasst und weicht der entscheidenden Frage aus, was denn eine Lekt\u00fcre nach 2012 in den Werken von Chappaz zu suchen h\u00e4tte. Die buchhalterische Kargheit l\u00e4sst einen allein, auch wenn man sich \u00fcber die erm\u00f6glichte Einsicht ins Empirische des Dichterlebens freut, wie es sich der Reihe nach zeigt. Doch obwohl Linsmayers Beilage trocken und immerzu korrekt erscheint, ist sie zum Nachschlagen letztlich unbrauchbar, da eine Bibliographie fehlt und man zu den Publikationsdaten doch wieder nur via Wikipedia findet.<\/p>\n<p>Die kritische Deutung ist keine psychiatrische Sitzung, in der verst\u00e4ndnisvoll die famili\u00e4ren Konstellationen abgefragt w\u00fcrden. Sie sp\u00fcrt den realisierten Gebilden nach und klopft sie z\u00e4hen Blickes ab, um die Defizite, die sie heute verdunkeln, freizulegen. Die affirmative Rezeption hatte den freien Geist von Maurice Chappaz hervorgehoben, der sporadisch zu einem Hippyleben im Wallis avant la lettre gef\u00fchrt hatte, von Sierre bis Raron. Dieses Bild war in den Siebzigerjahren, als die entscheidenden Werke am Erscheinen waren und 1976 in Les maquereaux des cimes blanches gipfelten, n\u00f6tig, um den Dichter vor der ungeheuer primitiv gef\u00fchrten Kampagne gegen das letzte und gegen ihn selbst zu sch\u00fctzen. Wie ein verschlafenes Nest aufscheuchend erscheinen die Zuh\u00e4lter der hohen Zinnen in eine Reihe von Publikationen hinein, die man ausnahmslos als Hymnen aufs Wallis zu qualifizieren hat, von den munteren Texten \u00fcber die Walliser Lebenstypen und die Arbeiter der Grande Dixence bis zum Naturgesang auf die Haute Route, wenn man denn \u00fcberhaupt damit rechnen darf, dass die Walliser Bev\u00f6lkerung diese Kunstwerke zur Kenntnis genommen hatte. Nur Grossvater war vorbereitet, denn auf wen wenn nicht auf ihn selbst m\u00fcnzte der Neffe seines Chefs die Zeilen schon 1960: &#8222;Mich ekelte an \/ dieser Wanst von Stall als er Grand Hotel wurde&#8220;? Doch er und Grossmutter hielten zu Chappaz und Corinne Bille und zeigten mit dem Daumen, wo ich sie gerade jetzt und heute auf der Strasse treffen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ein Nestbeschmutzer sieht in den Augen der scheinbar Angegriffenen zuviel. Chappaz aber muss man umgekehrt vorwerfen, von Anfang an und immer wieder, zu wenig zu sehen: dass er vom konkreten Zusammenhang, in dem die Dinge geschehen, zu fr\u00fch abstrahiert und folglich nur quasi kulturkonservativ jammert statt eine substantielle Kritik anzureissen und diskursiv durchzuf\u00fchren. (Man kann nur hoffen, dass die Filiation durch die N\u00e4he zum gef\u00e4hrlich tief in den K\u00f6rper der Walliser Bev\u00f6lkerung eingegrabenen Bisse Brun de Savi\u00e8se bei den Chappaz letztenendes nicht derjenigen \u00e4hnelt der Strawinskys; Chappaz Schwiegervater war in der Tagespolitik aktiver Sozialist und sein Onkel-Vater Maurice Troillet lange Zeit eine Lokomotive des Walliser Wandels im Dienste der Gew\u00f6hnlichen, auf dubiosen antiaufkl\u00e4rerischen Pfaden keiner der Vorg\u00e4nger.) Im Krieg f\u00fchrte er als Leutnant die Truppe der einheimischen Bauernkollegen als Grenzw\u00e4chter im oberen Val de Bagnes, auf dem Terrain derjenigen Alpen, deren Hauptst\u00e4lle ganz ohne Holzzus\u00e4tze aus Trockensteinen gebaut sind. Den See gab es noch nicht, und dennoch gingen die Wege auf beiden Seiten des obersten Tales auch bei den sonderbaren Kuhst\u00e4llen vorbei; zumindest Gi\u00e9troz musste er gesehen haben, und als er von Fionnay aus, einem Nest abgetrennt vom ganzj\u00e4hrig belebten Tal durch einen Urwald, den die Touristen nur deswegen nicht aus dem Postauto zu bewundern verstehen, weil sie nach Lourtier an ihren iThumps nuckeln, zum Col de Cleuson ging, um m\u00f6gliche W\u00fcsteneindringlinge auf dem Gletscher abzufangen, ging es auch an den St\u00e4llen von Sovereu vorbei. Das nenne ich schlechtes Hinsehen, wenn einer mehrere Jahre lang als J\u00e4ger ein kleines Gebiet behaust und nichts von den Alltagsbesonderheiten &#8211; dem \u00c4lplerleben &#8211; zu berichten weiss.<\/p>\n<p>Der Vorwurf des Zuwenig ist immer auch auf den Abbruch des Jurastudiums bereits nach zwei Jahren gerichtet. Der Abbruch selbst w\u00e4re nicht zu kritisieren, wohl aber der Umstand, dass sich Chappaz gegen\u00fcber den Gehalten des Fachs komplett ignorant verhalten hat. Es spielt keine Rolle, ob man sich in den Dom\u00e4nen der Geistes-, Sozial-, Rechts- oder Wirtschaftswissenschaften bewegt, denn alle sind sie auf dieselbe Realit\u00e4t ausgerichtet, von der sie sei es historisch oder strukturell grosse St\u00fccke zu berichten wissen, auch dann, wenn das regul\u00e4re Studium auf ein eingeschr\u00e4nktes Hantieren hin ausgerichtet ist. Chappaz ignorierte diese Gegebenheit radikal, und mir scheint, er missachtete in der Kritik am Wallis viele Vorg\u00e4nge des gesellschaftlichen Fortschritts, die man eben im Augenschein zu halten h\u00e4tte. Sein d\u00fcrftiges Gebaren diente h\u00e4ufig nur dem einen: so schreiben zu k\u00f6nnen, dass man immer \u00fcber der Sache steht und immer recht hat. Seine Tochter rettet die eingetr\u00fcbte Ehre durch den Beruf der Philosophielehrerin, wie er in der Deutschschweiz seit langem verboten scheint. Die intellektuelle Korrespondenz zwischen Maurice und Marie-No\u00eblle w\u00fcrde mich nicht wenig interessieren: vermochte er \u00fcberhaupt historisch situierten systematischen Begriffszusammenh\u00e4ngen, also philosophischen Fragen im eigentlichen Sinne, zu folgen oder warf er sie unbesehen in seinen ber\u00fcchtigten Topf der Forderungen des Zweiten Konzils, die ihn nur zu Polemik, zu Ironie und ewig repetiertem Sarkasmus verleiteten?<\/p>\n<p>Auch sein Verh\u00e4ltnis zur Musik ist eiseskalt und geht kaum je weiter als bis zum Gregorianischen Choral, dessen Entstehungs- oder Sch\u00f6pfungsweise er ohne viel Verst\u00e4ndnis, ohne vieles Nachfragen mystifizierte. Er d\u00fcnkt einen deswegen m\u00f6glicherweise borniert, weil er einerseits nicht zur Kenntnis nahm, in welcher Weise die M\u00f6nche vom Saint Bernard k\u00fcnstlerisch scharf  gewesen sein mussten, wenn sie den Zappa des 15. Jahrhunderts, Dufay, dazu aufforderten, extra f\u00fcr sie neue St\u00fccke zu schreiben, andererseits ausgerechnet einen von ihnen 1979 eingeladen hat, f\u00fcr Mamma Chappaz die Totenmesse zu lesen, aus der Eisw\u00fcste heruntergepilgert und von Siders dann wieder nach Veyras hinauf.<\/p>\n<p>Mindestens einmal aber erscheint uns seine theoretische Phantastik realit\u00e4tsgerecht und bedenkenswert, im Pamphlet &#8222;Ich w\u00fcnsche mir s i c h t b a r e Tschernobyls&#8220;, unterzeichnet Weihnachten 1987. Der Gedanke, der nicht ganz frei von der Katastrophenparanoia ist, dem b\u00f6sen Wunsch also, dass bei meinem Sterben gef\u00e4lligst alles andere auch unterzugehen hat, l\u00e4uft darauf hinaus, dass nur dann, wenn sichtbare \u00f6kologische Unf\u00e4lle passieren, gesellschaftlich der n\u00f6tige Druck zu entstehen imstande ist, unter dem die entscheidenden Regulierungen auch geschaffen werden. Sind wir heute nicht wieder Zuschauer in einem Prozess der Weltpolitik, wo die Entscheidungstr\u00e4ger allenthalben zu Boden blicken, wenn sie Regulierungen beschliessen sollten, die das abzuwehren verm\u00f6chten, was in den objektiven Wissenschaften ohne Eingriffe um den ganzen Globus herum vorausgesagt wird?<\/p>\n<p>Das Lesebuch ist eine verdankenswerte Hilfe; es pr\u00e4sentiert einem aber nur in Ausnahmen denjenigen Chappaz, der noch heute lesenswert ist. Das w\u00e4re nach wie vor derjenige, der sich in den Einzelwerken eingegraben hat und den man in der Weise aufsp\u00fcren muss, dass man sie als isolierte abtastet (es handelt sich immer um St\u00fccke von Poesie, die bekanntlich nicht linear durchzulesen ist). Es besteht keine Notwendigkeit, die eigene Lekt\u00fcre als Lobgesang und den Autor als Ausnahmek\u00fcnstler zu begreifen. Gerade in Momenten, wo man nicht einverstanden ist und sich gegen ihn wehrt, wirft das aufmerksame und wache Lesen einen Nutzen ab, sei es k\u00fcnstlerisch poetisch als Wundersamkeit aus einer vordergr\u00fcndig kunstarmen Region, sei es als Einsicht ins widerspr\u00fcchliche Funktionieren einer Gesellschaft, die vor nicht gar langer Zeit im Abseits stand und von einem erst dadurch in die halbwegs vern\u00fcnftige Diskursgemeinschaft hineingeschmuggelt werden konnte, indem er es noch verstanden hatte, ihr einen Kinnhaken zu verpassen.<\/p>\n<p>Identische Version mit Bildern und Links: <a href=\"http:\/\/www.ueliraz.ch\/rezensionen\/chappaz.htm\">http:\/\/www.ueliraz.ch\/rezensionen\/chappaz.htm<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maurice Chappaz, In Wahrheit erleben wir das Ende der Welt, Herausgeber Charles Linsmayer, Verlag Huber 2012. 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