{"id":177,"date":"2008-03-10T13:31:42","date_gmt":"2008-03-10T12:31:42","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=177"},"modified":"2008-03-10T13:31:42","modified_gmt":"2008-03-10T12:31:42","slug":"unrachbar-das-leben-im-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=177","title":{"rendered":"Unr\u00e4chbar, das Leben im Tod"},"content":{"rendered":"<p>Die Erfahrung des Lebens n\u00f6tigt zur Einsicht, dass der Niedertr\u00e4chtige auf Erden nach dem Tod sich seiner dreissig M\u00e4dchen erfreuen und der brave, wenig korrupte Mensch in der H\u00f6lle schmoren wird. Kaum eine M\u00f6glichkeit, dass die lebendige Vernunft ein solches Ansinnen rechtfertigen w\u00fcrde, doch der gegenw\u00e4rtige Zwang des Realen scheint allm\u00e4hlich seinen Tribut einfordern und die Wundersamkeit zum Ausdruck bringen zu wollen.<\/p>\n<p>Der Niedertr\u00e4chtige ist nicht der Kriminelle, dessen Untaten, als einzelne oder in Serie, im praktischen Rechtszusammenhang ges\u00fchnt werden; er wirkt aus einer Position der St\u00e4rke, die sich des Rechtswesens bedient, weil sie zuvor schon gesellschaftlich sanktioniert worden ist. Bis vor kurzer Zeit noch geh\u00f6rte eine solche zum Gef\u00fcge der politischen Macht, fast ohne Ausnahme auf Seiten der milit\u00e4rischen Kr\u00e4fte. Die Position ist aber auf eine Sanktionierung durch den politischen Machtzusammenhang nicht mit Notwendigkeit angewiesen, weil dieselbe Legitimation, nie ohne Ansehen und Anerkennung, auch im isolierten, f\u00fcr sich stehenden Wirtschaftskomplex geschehen kann, sofern ihn die Gesamtgesellschaft, wie seit 25 Jahren quasi offiziell, in dieser Freiheit auch haben will. In solcher Praxis schaut dann die Macht, demokratisch gew\u00e4hlt, bloss noch zu, wie die Welt sich gestaltet ganz ohne sie, und der einzelne im Leben, wie es gegen ihn sich wendet. Wo einer etwas B\u00f6ses an einem Anderen tut, ist er leicht zur Rede zu stellen; indem der Niedertr\u00e4chtige alles daran setzt, jeden Anderen zu ignorieren wie die Banker und Broker die Bev\u00f6lkerung auf der ganzen Welt und auf niedrigstem Niveau der Fernseh- und Radiokonsument die Nachbarschaft, bildet sich keine Gruppe, in der die Vernunft an die Regeln appellieren k\u00f6nnte, gegen die der Niedertr\u00e4chtige verst\u00f6sst. Sei es im Grossen oder im Kleinen: er war immer schon die Figur des Herrschers und des Anmassenden, dessen Handeln, das in gewissen Konstellationen gesellschaftlich grosse Folgen nach sich zieht, nicht vermittelt ist, weil es so tut, als ob es keine Regeln zu kennen und zu ber\u00fccksichtigen g\u00e4be und weil die Erfahrung des Alltagsmenschen in der Tat nicht imstande ist, ihm zu sagen, wie er an Stelle des Korrupten handeln w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dass dem Niedertr\u00e4chtigen harmlos der nur wenig korrumpierte Mensch gegen\u00fcbersteht, scheint der religi\u00f6sen Vorstellung vom Guten und vom B\u00f6sen zu folgen. Doch der reine Begriff der Korruption enth\u00e4lt mehr an realistischem Gehalt, als der kritische Verstand ahnen lassen will. Wenn auch der gr\u00f6sste Teil der Bev\u00f6lkerung ihr nicht eindeutig zuzuordnen w\u00e4re, ist von einem Teil indes ebenso gewiss, dass er korrupt ist und Schlechtes bewirkt wie von einem anderen, gr\u00f6sseren, dass er deswegen frei ist von Korruptheit, weil er wie allgemein in Asien, Afrika und Lateinamerika als Opfer des ersten leidet. Zudem verfolgt jedermensch nur zu leicht, wie die Niedertracht als Gift in den Gesellschaftsschichten sedimentiert, und ein Grund daf\u00fcr, dass sie so schwer wahrzunehmen ist, kann nicht weniger leicht darin gesehen werden, dass sie ebenso die Alltagshandlungen pr\u00e4gt wie seit langem schon das \u00e4ussere Gebaren der Fernsehstars das ihrer ZuschauerInnen. Nur weil sie auch in der Breite wirkt, ist es der isolierten Vernunft schier unm\u00f6glich, die Niedertracht im konkreten Einzelnen festzumachen.<\/p>\n<p>Sofern die Vernunft nicht ganz verabschiedet werden soll, ist die Frage \u00fcber die imaginierten Wirklichkeiten nach dem Tode allerdings nicht, ob sie die Ungerechtigkeit rechtfertigen oder nicht, ob also, um in der herrschenden Sprache verst\u00e4ndlich zu sprechen, der Lohn letztlich den Ungerechten zukommt. Denn so wie der Niedertr\u00e4chtige die Grenzen der Moral \u00fcberschreitet und da t\u00e4tig ist, wo es nichts zu rechtfertigen gibt, werden hier die Grenzen der Erkenntnis \u00fcberschritten. Zur Frage ist nun geworden, ob nicht gerade derjenige ungerecht und auf irdischem, vern\u00fcnftigem Boden verdammensw\u00fcrdig erscheint, der die Behauptung \u00e4ussert, Gerechtigkeit sei nirgends und in langen Zeitr\u00e4umen nie, weil dieselbe Behauptung nur aus Ressentiment und Bitternis, also ihrerseits durch Anmassung und ohne Vertrauen in das Gute, das praktische Regeln kenntlich macht, schliesslich zu denken w\u00e4re. Wer die Stimme erhebt, scheint heute zu einem verlorenen Spiel ansetzen zu wollen. Im Zustand des Communication Breakdowns heisst Sprechen offenbar, es ernsthaft wieder neu zu lernen. Monstr\u00f6s an ihm w\u00e4re, dass es im Wahren nicht zugleich das Gute zu sehen vermeinte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Erfahrung des Lebens n\u00f6tigt zur Einsicht, dass der Niedertr\u00e4chtige auf Erden nach dem Tod sich seiner dreissig M\u00e4dchen erfreuen und der brave, wenig korrupte Mensch in der H\u00f6lle schmoren wird. 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