{"id":1694,"date":"2014-02-22T05:59:19","date_gmt":"2014-02-22T04:59:19","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=1694"},"modified":"2014-08-31T14:46:11","modified_gmt":"2014-08-31T13:46:11","slug":"balys-sruoga-der-wald-der-goetter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=1694","title":{"rendered":"Balys Sruoga, Der Wald der G\u00f6tter"},"content":{"rendered":"<p>In einer Zeit, da die Stimmv\u00f6lker allenthalben faschistoiden Spiessgesellen applaudieren und es so den Machtinstanzen der \u00d6konomie, des Milit\u00e4rs, der sozialen Reproduktion und der Kulturindustrie leicht machen, Direktiven gegen das Lebendige als langfristige Gesetze auszugeben, r\u00fccken einem die Dokumente der Nazizeit im 20. Jahrhundert immer n\u00e4her, und es erscheint einem jene Zeit als immer weniger lange her. Deshalb ist die Notwendigkeit des Buches von <\/p>\n<p align=\"center\">Balys Sruoga, Der Wald der G\u00f6tter, dt. aus dem Litauischen von Markus Roduner, BaltArt Verlag Langenthal 2007<\/p>\n<p>nach wie vor eine doppelte: einerseits f\u00fcr den litauischen Autor, der autobiographisch seine Zeit als KZ-H\u00e4ftling im Lager Stutthof (48 km \u00f6stlich von Danzig) von 1943 bis 1945 beschreibt, andererseits f\u00fcr uns, weil die Einsicht in die gef\u00e4hrliche Gew\u00f6hnlichkeit der gesellschaftlichen Gewalt wieder ins Recht gesetzt werden muss.<\/p>\n<p>Da einem vielleicht die Gegend der polnischen Danziger Bucht und des Baltikums sowie deren Geschichte wenig gel\u00e4ufig sind, kommt es heute gelegen, dass ein Buch nicht allein aus sich selbst verstanden werden muss, sondern von diversen Medien Begleitschutz erh\u00e4lt, seien es textliche oder fotographische Erl\u00e4uterungen nach Suchw\u00f6rtern im Internet oder gar durch einen Spielfilm, wie er in diesem Fall 2005 zuende gedreht worden ist und <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vtZusNil6fM\">hier auf Youtube<\/a> einzusehen w\u00e4re. Der Film von Algimantas Puipa tr\u00e4gt den Originaltitel des Buches Dievu mi\u0161kas und l\u00e4sst sich mit englischen Untertiteln als Forest of the Gods anschauen. Er illustriert nicht alle, aber viele Episoden des Buches, und er zieht eine Rahmenhandlung in den Film hinein, schon bald nach der Mitte, indem er sich auf das Publikationsdesaster bezieht. Denn Sruoga, der 1943 durch die Anklage ins KZ kam, er w\u00fcrde zusammen mit anderen Intellektuellen Litauens die Jugend vom Eintritt in die SS abhalten, schrieb das Buch zwar innerhalb kurzer Zeit nach der allgemeinen Befreiung durch die Sowjets, die seinerseits ihn aber offenbar nicht un\u00e4hnlich den Nazis dann zu einer konspirativen Mitarbeit zwingen wollten. Da er sich weigerte, konnte das Buch unter dem Vorwand nicht erscheinen, es zeige zu wenig eindeutig das Negative der Nazis und gleichzeitig zu wenig positiv die Gr\u00f6sse der Befreiungstat der Roten Armee. Das Schwierige f\u00fcr uns ist, dass die Kritik der Sowjets nicht an den Haaren herbeigezogen ist und man deswegen einerseits zwar froh ist, durch den Film und durch die weiteren Kan\u00e4le im Internet \u00fcber das Grauen an den Pl\u00e4tzen tel quel ins Bild gesetzt zu werden, andererseits aber auf Anhieb nicht schlau wird, wie der Film selbst zu deuten w\u00e4re, da durch den Miteinbezug des historisch Supplement\u00e4ren zum Buch ein Ressentiment zur Darstellung gelangt, das wohl zum Selbstbild der baltischen Gesellschaften geh\u00f6rt, f\u00fcr uns Aussenstehende aber den Blick auf den Gehalt des Buches m\u00f6glicherweise verstellt. (Youtube-Filme k\u00f6nnen bekanntlich auf der Zeitschiene in kleinen Stills abgesucht werden, so dass man frei ist, sie in selbst gew\u00e4hlten Ausschnitten zu betrachten. Bei diesem zweist\u00fcndigen Film kommt einem das gut zupass.)<\/p>\n<p>Die Landschaft um Stutthof hatte den Namen &#8222;Wald der G\u00f6tter&#8220; und enth\u00e4lt mehrere Flurnamen baltischer, also nichtgermanischer Gottheiten, die auf Landkarten noch heute zu finden sein m\u00fcssten: Perkunas, Jurat\u00e8, Laum\u00e8, Patrimpas. Nach einer Beschreibung von Stutthof zu Zeiten vor der Errichtung des Konzentrationslagers, dessen quasi urspr\u00fcnglicher Zweck wie der aller dazugeh\u00f6rigen sogenannten Aussenlager es war, die widerspenstigen Polen gefangen zu halten (die ber\u00fchmteren KZs der Judenvernichtung befanden sich ausserhalb des Grossraumes der Danziger Bucht), schreibt Sruoga die erste leicht irritierende Stelle auf Seite 11, seine  Begegnung mit dem Platz 1943: &#8222;Kaum betrat man den Wald der G\u00f6tter, beschlich einem das Gef\u00fchl, als seien die alten G\u00f6tter spurlos von hier verschwunden, als habe sich hier die H\u00f6lle selbst breit gemacht, besetzt von SS-Schergen &#8211; die alten Teufel haben sie in den Kerker geworfen und selbst deren Platz eingenommen. Echte Teufelskerle!&#8220;<\/p>\n<p>Echte Teufelskerle &#8211; das ist ein Gemisch von Ironie und Sarkasmus, und erscheinen diese Mittel der Rhetorik geh\u00e4uft und wom\u00f6glich angereichert mit Zynismus und mehrdeutigem Humor, geht man auf Distanz, weil der Verdacht besteht, einer ist gar nicht mehr imstande, in intellektueller Wahrhaftigkeit eine Situation korrekt einzusch\u00e4tzen, richtig darzustellen und \u00fcber sie ein g\u00fcltiges Urteil abzugeben. In weiten Passagen beherrschen die genannten Mittel den Text auf eine Weise, dass man ihn als der Sache unangemessene Groteske wegschieben m\u00f6chte. Das Groteske war immer schon Bestandteil der K\u00fcnste und der Literatur. Aber die Groteske als Gattung hat nie in den \u00c4sthetiken ernsthafte Anerkennung erreichen k\u00f6nnen, weil sie immer schon nur an den billigen Schwank gekettet zu erscheinen vermag, der gar nicht vorgibt, etwas Wahres und gesellschaftlich Relevantes treffen zu wollen. (Es gibt auf Youtube Theaterst\u00fccke von Sruoga, die gef\u00e4hrlich wie Schw\u00e4nke dastehen&#8230;) Man muss sich also zwingen, in der Lekt\u00fcre zwar die Schilderungen von Groteskem aufzusaugen, ihre Anh\u00e4ufungen indes nicht als verfehlte Gattung misszuverstehen. Und in der Tat passt man sich nach einer gewissen Zeit ohne Schwierigkeiten dem Ton an, der offenbar dem Autor als Schutzschild diente, und man liest peu \u00e0 peu das Buch wie in einer &#8222;neutralen&#8220; Schilderung ohne falsche Witzigkeit. Und man merkt, dass man sich mit einer Sache auseinandersetzt, von der man zu fr\u00fch dachte, sie sei endlich Vergangenheit, und von der man jetzt sp\u00fcrt, dass man ihr aufmerksam gegen\u00fcberstehen muss. Nicht nur, weil jede Zensur falsch ist, hatten die Sowjets auf dem Gebiet Litauens 1945 gegen\u00fcber Sruoga unrecht, sondern auch, weil die Pseudogroteske auf einem doppelten Boden steht, deren zweiter die ernsthaften Gehalte vertrauensw\u00fcrdig tr\u00e4gt und die Motive der neuen, f\u00fcr lange Zeit Platz nehmenden Befehlstr\u00e4ger fadenscheinig erscheinen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Zusatz 31. August 2014: Friedrich D\u00fcrrenmatts Der Verdacht (1951-52) las ich erstmals 1976, in der Luzerner Klinik St. Anna w\u00e4hrend dem Nachmittag und der Nacht vor einer Operation. Nun wurde das Werk w\u00e4hrend mehreren Wochen auf Radio SRF 2 in kleinen H\u00e4ppchen als H\u00f6rspiel gesendet, worauf ich es heute in Passagen wiederlas. Unter Verdacht ger\u00e4t ein Schweizer Arzt, der als Student im Kiental, wohl im Gamchi, eine Notoperation an der Kehle eines Mitstudenten ohne Narkose durchf\u00fchrte, mit falschem Namen in Stutthof unz\u00e4hlige experimentelle Operationen ohne Narkose praktiziert zu haben. D\u00fcrrenmatt kennzeichnet Stutthof nicht als sogenanntes Aussenlager, sondern als zentrales Vernichtungslager, in dem die Patienten sich freiwillig zur Verf\u00fcgung stellten, da bei einem \u00dcberleben das Versprechen galt, in ein anderes Lager versetzt zu werden, in dem die Vernichtung nicht schon im Vorhinein festst\u00fcnde &#8211; genannt wird Buchenwald.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer Zeit, da die Stimmv\u00f6lker allenthalben faschistoiden Spiessgesellen applaudieren und es so den Machtinstanzen der \u00d6konomie, des Milit\u00e4rs, der sozialen Reproduktion und der Kulturindustrie leicht machen, Direktiven gegen das Lebendige als langfristige Gesetze auszugeben, r\u00fccken einem die Dokumente der Nazizeit im 20. 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