{"id":1686,"date":"2014-02-15T15:34:58","date_gmt":"2014-02-15T14:34:58","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=1686"},"modified":"2014-02-15T15:34:58","modified_gmt":"2014-02-15T14:34:58","slug":"varese-ameriques","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=1686","title":{"rendered":"Var\u00e8se, Am\u00e9riques"},"content":{"rendered":"<p>Wer das Hohelied des Bauchdenkens tr\u00e4llert, n\u00f6tigt seine G\u00e4ste wie sein Publikum, jede intellektuelle Anstrengung, Reflexion und geziemende Vorbereitung auf einen Anlass hin aufzugeben. Um dieser Falle zu entgehen, habe ich meine Notizen zur Diskothek im Zwei auf SRF 2 \u00fcber Am\u00e9riques von Edgard Var\u00e8se nicht sofort nach der Erstausstrahlung am 10. Februar 2014 festgehalten, sondern die Wiederholung der Radiosendung eben erst abgewartet. Var\u00e8se, geboren 1883, war schon 38 Jahre alt, als er die Urfassung von Am\u00e9riques, sozusagen sein op. 1, endlich fertiggestellt hatte. Es dauerte nicht weniger als f\u00fcnf Jahre bis zur Urauff\u00fchrung, ein Zeitraum, in dem er das parallele Werk oder Zusatzst\u00fcck zu Am\u00e9riques, Arcana, konzipierte und in einer vorl\u00e4ufigen Fassung durchkomponierte. Die Urauff\u00fchrung von Am\u00e9riques 1927 hatte ihn derart massiv umgehauen, dass er sich endlich zusammennahm und in einem nach wie vor imponierenden Prozess der Umgestaltung im selben Jahr das Werk in seine endg\u00fcltige Form brachte. Wen die Kunst von Edgard Var\u00e8se gepackt hat, ist davon fasziniert, was sich 1927 in Var\u00e8se selbst bei der Umarbeitung von Am\u00e9riques realisierte, und in diesem Fall darf man statt von einer Umarbeitung ruhig von einer Dekonstruktion sprechen. Es muss eine ungeheure Auseinandersetzung gewesen sein, in der er mit den Gespenstern der Vergangenheit gestanden und denen er so lange aufgesessen und auf den Leim gegangen war. Normalerweise wittert man da, wo eine Urfassung und eine sp\u00e4tere Neufassung vorliegen, Zensur, Abschw\u00e4chung und Trivialisierung. Im Werk Am\u00e9riques liegen die Verh\u00e4ltnisse g\u00e4nzlich anders, denn die Urfassung zeigt sich als F\u00e4lschung und als b\u00f6se Tat gegen die zweite Fassung von 1927. Mit der anget\u00f6nten Ausnahme von Arcana und den Skizzenst\u00fccken Offrandes, Hyperprisme, Octandre und Int\u00e9grales ist alles, was zuvor geschrieben wurde, Machwerk eines Gescheiterten, der nur dumpf ahnte, was f\u00fcr eine Musik in seinen tiefen Schichten brodelte. Schon fr\u00fch wollte er neue Kunst schaffen, mitnichten Kunsthandwerkeleien zur Verf\u00fcgung stellen. Aber er war scheinbar hoffnungslos, jedenfalls ohne jedes Mass an Selbstkritik, der musikalischen Sprache der Zeit ausgeliefert, insbesondere derjenigen von Richard Strauss. Erst beim Anh\u00f6ren des eigenen Werks wurde er gewahr, wie die Effekte dieses Vokabulars doch nicht mehr auszuhalten w\u00e4ren. Er musste in alle verborgenen Winkel der Riesenpartitur hineinleuchten, um die s\u00fcsslich-schmierigen Straussismen und sonstigen Spuren der Tonalit\u00e4t aus der musikalischen Konstruktion herauszukratzen. Obwohl einen seine Verehrung gegen\u00fcber Strauss nervt, sollte man nicht der Falschmeldung aufsitzen, wonach er auch sein Sch\u00fcler gewesen w\u00e4re. Die Beziehungsverh\u00e4ltnisse sind gl\u00fccklicherweise interessanter. Var\u00e8se war in Berlin Sch\u00fcler von Busoni, dem er nichts zu schulden hatte ausser der \u00dcbernahme eines Kompositionssch\u00fclers, der dem Meister zu wenig fortgeschritten schien. Das war Ernst Schoen, aus dem kein Komponist geworden war, der aber als alter Schulfreund von Walter Benjamin dem viel j\u00fcngeren Wiesengrund-Adorno vorgestellt wurde. Nicht mehr in Berlin, sondern in Frankfurt verschaffte der umtriebige Adorno dem Sch\u00fcler von Var\u00e8se einen Posten beim Frankfurter Radio (gem\u00e4ss <a href=\"http:\/\/geb.uni-giessen.de\/geb\/volltexte\/2010\/7381\/pdf\/UB_Festschrift_2007_224_257.pdf\">diesem Dokument von Peter Reuter<\/a> k\u00f6nnte es auch mehr oder weniger umgekehrt gewesen sein). Man d\u00fcrfte also statt der positiven Betonung von Strauss eher von einer engen Linie von Var\u00e8se zu Adorno sprechen, wenn auch in dessen Bemerkungen zu Var\u00e8se davon prima vista und also ohne Kenntnisse des Hintergrundes nichts zu sp\u00fcren ist.<\/p>\n<p>In der Sendung wurden unter den f\u00fcnf Aufnahmen zwei mit der Urfassung zum Diskutieren ins Spiel gebracht, aber man wusste mit den Fundst\u00fccken nichts anzufangen. H\u00e4tte man sich nicht etwas ernsthafter \u00fcber die grotesken Clownerien in Aufnahme Zwei wundern sollen, derjenigen von Christopher Lyndon-Gee mit dem Polnischen Radio-Sinfonieorchester (erschienen 2008)? Eine \u00fcbel erscheinende Musik, nichtsdestotrotz sehr korrekt in der Wiedergabe des unf\u00e4higen, bloss futuristisch-dadaistischen Var\u00e8se, g\u00e4nzlich entgegengesetzt dem erst sp\u00e4t erwachsen gewordenen 1927. (Die andere Aufnahme mit der Urfassung als rekonstruierter Spielpartitur war die f\u00fcnfte von Riccardo Chailly mit dem Royal Concertgebouw Orchestra; sie machte 1998 das Problem Var\u00e8se erst verst\u00e4ndlich, mit einer Interpretation, die wie die zweite nur an ausgewiesene Var\u00e8sespezialisten zu Forschungszwecken ausgeh\u00e4ndigt werden d\u00fcrfte.)<\/p>\n<p>Man muss beim Bauchdenken unter einer Magenverstimmung leiden, wenn man Zappas Vater als Schallplattenverk\u00e4ufer vorf\u00fchrt, der den Sohn w\u00e4hrend der Jugendzeit mit den neuesten Hits versorgte, unter denen dann der F\u00fcnfzehnj\u00e4hrige den von Var\u00e8se erhalten h\u00e4tte.<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/bilder\/2014\/ameriques-ha-ha-ha.jpg\" title=\"Gut m\u00f6glich, dass der Kritiker nur unsere Aufmerksamkeit testen wollte.\">Wie alle Musikneugierigen der Zeit hatte Zappa eine Var\u00e8se-Platte per Zufall entdeckt und sich wegen ihrer Wundersamkeit in diese Musik verknallt, alles <a href=\"http:\/\/wiki.killuglyradio.com\/wiki\/Edgard_Var%C3%A8se:_The_Idol_of_My_Youth\">hier in Zappas Worten<\/a> nachzulesen, auch der Vorlauf der Plattenentdeckung (Am\u00e9riques war noch nicht auf jenem Sampler und wurde erst zehn Jahre sp\u00e4ter aufgenommen). Ebenso wenig stimmt, dass der Rocker den alten Var\u00e8se noch leibhaftig hat besuchen k\u00f6nnen: nach den zwei Telefongespr\u00e4chen zuerst mit Louise und dann mit Edgar selbst, die der F\u00fcnfzehnj\u00e4hrige 1957 aus dem Geld des Geburtstagsgeschenks finanzierte, starb Var\u00e8se am anderen Ende des amerikanischen Kontinents, nach Phasen eigener Abwesenheit und solchen von Undisponiertheiten Zappas, ohne Besuch des aufrichtigsten Fans. (Das Bild im Internet mit Zappa und Var\u00e8se ist eine Montage, nicht so das unten stehende mit Louise Var\u00e8se.)<\/p>\n<p>Man diskutiert eines der z\u00fcndendsten St\u00fccke der Musikgeschichte und experimentiert mit Spontandeutungen? Also wirklich: w\u00e4re ich ein f\u00fcnfzehnj\u00e4hriger Zuh\u00f6rer, ich hielte nach dieser Sendung Am\u00e9riques f\u00fcr ein ergotherapeutisches \u00dcbungsst\u00fcck in einem Seniorenheim, nicht im geringsten f\u00fcr den welthistorischen Ausbruch des einzigen musikalischen Vulkans, f\u00fcr den Am\u00e9riques in Wirklichkeit steht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/bilder\/2014\/louise-zappa.jpg\"><\/p>\n<p>Fundst\u00fcck in der Partitur: Am\u00e9riques f\u00fcr Rockband 1975 (Fragment ur), unten der lustige Rocker mit der Witwe des Discostars.<\/p>\n<p>Zusatz: Es ist der Diskussionsrunde hoch anzurechnen, dass sie keine der beiden Aufnahmen mit der Urfassung favorisierte und ebenso wenig die beste, Michael Tilson Thomas mit dem San Francisco Symphony von 2013 den restlichen von Boulez mit dem Chicago Symphony Orchestra von 2001 und der ersten \u00fcberhaupt von Maurice Abravanel mit dem Utah Symphony Orchestra 1968 als unvergleichlich beste charakterisierte. Die beste Aufnahme d\u00fcnkt mich nach wie vor diejenige von Marius Constant mit dem Orchestre Philharmonique de l&#8217;ORTF von 1973, die es leider immer noch nicht als CD gibt. Boulez hatte aus demselben Grund wie Adorno ein schwieriges Verh\u00e4ltnis zu Var\u00e8se, weil er Gebilden ohne pr\u00e4gnante Vermittlungsmomente misstraute: denn was in sich selbst nicht vermittelt ist, ist es auch gegen aussen nicht und steht letztlich ausserhalb jeder Bestimmung des Geschichtsprozesses &#8211; es l\u00e4sst sich nicht recht dingfest machen. Man kennt von Schubert weite Passagen, die auch von Beethoven h\u00e4tten geschrieben sein k\u00f6nnen, doch ansonsten d\u00fcnkt es uns heutzutage eher so, dass die Komponistinnen und Komponisten singul\u00e4r in der Geschichte stehen m\u00fcssen, wenn sie denn \u00fcberhaupt Werke der Kunst zustande bringen sollen. In den 1950er Jahren geh\u00f6rten die fortschrittlichsten Werke zur seriellen Musik. Heute h\u00f6ren wir dieselben St\u00fccke nur noch als Werke von Boulez, Stockhausen, Nono etc. &#8211; und eben auf gleiche Weise aufmerksam auch diejenigen von Var\u00e8se, Schule geschw\u00e4nzt hin oder her.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer das Hohelied des Bauchdenkens tr\u00e4llert, n\u00f6tigt seine G\u00e4ste wie sein Publikum, jede intellektuelle Anstrengung, Reflexion und geziemende Vorbereitung auf einen Anlass hin aufzugeben. Um dieser Falle zu entgehen, habe ich meine Notizen zur Diskothek im Zwei auf SRF 2 \u00fcber Am\u00e9riques von Edgard Var\u00e8se nicht sofort nach der Erstausstrahlung am 10. 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