{"id":1601,"date":"2013-10-10T07:52:23","date_gmt":"2013-10-10T06:52:23","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=1601"},"modified":"2013-10-10T17:47:16","modified_gmt":"2013-10-10T16:47:16","slug":"phanomenologie-des-berggangerblicks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=1601","title":{"rendered":"Ph\u00e4nomenologie des Bergg\u00e4ngerblicks"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/bilder\/2013\/gaersthorn.jpg\"><\/p>\n<p>Das G\u00e4rsthorn ist eine nackte Flanke, an deren rechtem Rand man aufsteigt. Gestern ging ich den Weg nach vierzehn Jahren zum zweiten Mal, jetzt den ganzen Tag im dicken Nebel, fr\u00fcher bei klarem Wetter. Die Aussicht auf dem Gipfel ist umwerfend, da man quasi auf Augenh\u00f6he dem Bietschhorn gegen\u00fcbersteht. Auch wenn die Gipfelrundsicht und also der explizite Sinn der anstrengenden Wanderung gestern sabotiert worden war, erscheint das Erlebnis im ganzen doch eindr\u00fccklich. Denn auch wenn man bis zuoberst immer einer bequemen Wegspur folgen darf, gibt es drei Partien, die bei Lichte besehen nicht ganz ohne sind: man muss steile Felsplatten auf d\u00fcnnen, unterbrochenen, parallel weiter zu verfolgenden Rinnen, die mit rutschigen Kieselsteinen gef\u00fcllt sind, \u00fcberqueren (Bildpunkte 1 und 4, in abgeschw\u00e4chtem Masse auch 5 (2 zeigt den Platz des Kreuzes auf 2400 m, 3 die falsche Einzeichnung desselben auf der Karte)). Auch wenn die Platten nur zehn Meter breit sind, liegen sie in einem steilen Hang, und sie lassen sich weder oberhalb noch unterhalb umgehen. Bei sch\u00f6nem Wetter erscheinen nicht nur diese Partien steil, sondern der ganze Blick sitzt in einem einzigen, fast randlosen Feld der Steilheit. Je h\u00f6her gelegen die Passage einen knurrend erwartet, desto riesiger wirkt das Feld der Steilheit, und auch ein Schwindelfreier wird sich gewahr, wie seine \u00fcbergrosse Vorsicht den Boden der Angst unverhofft schon am Betreten ist. Bleibt einem dieses Feld aber in der dicken Nebelsuppe verborgen, spaziert man \u00fcber die Platten wie das Kind auf einem gemalten Strich, den es sich als Seil in der Zirkuskuppel vorstellt und wo es sich beim ganzen Vorgang damit br\u00fcstet, dank seiner heroischen Selbstsicherheit niemals abst\u00fcrzen zu m\u00fcssen. Geschieht dieses Spiel einen Tag lang in einem Gel\u00e4nde, das einem veritabel in die Knie f\u00e4hrt, geht einem auf, wie beschaffen das Sehverm\u00f6gen derjenigen Bergg\u00e4ngerInnen sein muss, die festen Schrittes steilere Passagen mit winzigeren und br\u00fcchigeren Rinnen ohne Wimpernzucken tagelang durchsteigen. Das ist nur m\u00f6glich, weil sie das \u00e4ussere Blickfeld, die visuelle Protention, je nach Notwendigkeit bis \u00fcber das eigentliche, fokussierbare Blickfeld hinauszuverschieben verm\u00f6gen. Sobald sie in einen Steilhang geraten, fahren sie ihre virtuellen Scheuklappen hoch und k\u00f6nnen es sich nicht verkneifen, dem Weitsichtigen das Z\u00f6gern als Schw\u00e4che vorzuhalten. Sie triumphieren aber nur \u00fcber ihre eigene Schw\u00e4che, das objektive Sehfeld nicht im ganzen nutzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das G\u00e4rsthorn ist eine nackte Flanke, an deren rechtem Rand man aufsteigt. Gestern ging ich den Weg nach vierzehn Jahren zum zweiten Mal, jetzt den ganzen Tag im dicken Nebel, fr\u00fcher bei klarem Wetter. Die Aussicht auf dem Gipfel ist umwerfend, da man quasi auf Augenh\u00f6he dem Bietschhorn gegen\u00fcbersteht. 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