{"id":158,"date":"2007-09-26T16:28:16","date_gmt":"2007-09-26T15:28:16","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=158"},"modified":"2007-09-26T16:28:16","modified_gmt":"2007-09-26T15:28:16","slug":"w-g-sebald","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=158","title":{"rendered":"W. G. Sebald"},"content":{"rendered":"<p>Sebalds Werk beschreibt eine Flugbahn, deren Ausgangspunkt eindeutig dasteht, deren Zielgebiet in der Lekt\u00fcre zuweilen nur unklar seine Konturen zeigt. Die Kurve zwischen den beiden Polen bildet eine Spannung, die sowohl die Lekt\u00fcre der Einzelst\u00fccke als ganze wie in den Einzelpassagen bestimmt. Obzwar nur selten, reisst die Spannung einige Male, und man fragt sich, ob der Text nicht schon, vielleicht, in den Kitsch abgeleitet ist. Da der Spannungsbogen aber nie vollends bricht, bleibt es bei der stillen Frage, und man folgt nach einer Krise den Spuren in den St\u00fccken weiterhin vertrauensvoll.<\/p>\n<p>Geboren im allg\u00e4uischen Wertach 1944, grenznah zu \u00d6sterreich, mit Umzug nach acht Jahren nicht weit nach Sonthofen, macht Wilfried Georg Sebald ein Studium der Germanistik und der Allgemeinen Literaturwissenschaft zuerst im deutschen Freiburg, dann im schweizerischen Fribourg. Mit kurzem Unterbruch als Gymnasiallehrer in St. Gallen ist er ab 1966 in Manchester, ab 1970, ebenfalls mit kurzem Unterbruch, im englischen Norvich. Schon die Magisterarbeit von 1968 erregt Aufsehen, und die Kontroverse \u00fcber sie hilft ihm nicht wenig, sich \u00fcber seine Befunde mehr Klarheit zu verschaffen als es die Ausf\u00fchrung der Hausarbeit alleine vermocht h\u00e4tte. Zwei Punkte bleiben entscheidend, dass erstens nur schw\u00e4chere literarische Werke tel quel sich soziologisch deuten lassen, um sie, wie er 1968 in einer spontanen Anfrage an Adorno hervorhebt, aus ihrer Trostlosigkeit herauszul\u00f6sen und dass zweitens St\u00f6rungen in der Sprache weniger als Fortschritt im Umgang der Sprache als k\u00fcnstlerischem Material denn als Anzeichen eines psychischen Defektes zu begreifen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Es ist klar, eine Auseinandersetzung mit James Joyce und Arno Schmidt w\u00fcrde diese Voraussetzungen nicht lange als g\u00fcltige bestehen lassen, und sie findet sich bei ihm auch nirgends. Man denkt an die Musik und an die Eigenwilligkeit von KomponistInnen, die eine Abwehr gegen die serielle Musik entwickelt haben und von einem Fortschreiten der Kunst nur augenzwinkernd reden. Die Magisterarbeit zerpfl\u00fcckt Carl Sternheim, die Dissertation analysiert D\u00f6blin und die Habilschrift widmet sich kleinen Passagen von Kafka, Canetti, Bernhard, Handke und wenigen anderen, die derart eine Psychoanalyse-nahe Lekt\u00fcre anvisieren, als ob die k\u00fcnstlerische Produktion immer schon die Grenze zum Wahn, zum Tod und, wie man erg\u00e4nzen m\u00fcsste, zum Tier auszuloten h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Bis zum Tod 2001 durch einen Autounfall erscheinen vier \u00fcberaus erfolgreiche, und zwar in verschiedenen Sprachregionen sehr schnell gefeierte Prosawerke: Schwindel. Gef\u00fchle (1990), Die Ausgewanderten (1992), Die Ringe des Saturn &#8211; Eine englische Wallfahrt (1995) und Austerlitz (2001). Der \u00dcbergang zu ihnen von den akademisch-essayistischen Texten geschieht kaum merklich, so dass dem Genuss der literarischen Werke ohne Tr\u00fcbung ein solcher der ersten Arbeiten folgen kann. Als Zus\u00e4tze erscheinen der Autor selbst &#8211; zuweilen ein ganzes Kn\u00e4uel von Erz\u00e4hlenden &#8211; und die L\u00fcge. In allen St\u00fccken gibt es einen Icherz\u00e4hler, der zu einem realen Zeitpunkt, meistens nach 1980, entweder sich an einem realen Ort aufh\u00e4lt, den er beschreibt, oder sich in einem Raum bewegt als Reisender, als Verreisender, als Wanderer, als Auswanderer, als R\u00fcckkehrer, als Heimatloser. Sebald gibt seiner gew\u00f6hnlichen biographischen Herkunft aus einem bayrischen Voralpenkaff eine Bedeutung, von der er nicht lassen will: Auch diese abgelegenen Flecken der Welt waren Nester des Faschismus, auch ihre verstreute Bev\u00f6lkerung von Armen stellte zuhauf Akteure der Schuld des Faschismus (nach 1970 unterdr\u00fcckte er seine deutscht\u00fcmelnden Vornamen und liess sich Max rufen). Orte und einzelne Menschen, R\u00e4ume und erinnerte Lebensgeschichten &#8211; das sind keine komplexen Beziehungs- und Gedankengebilde, die ein gesellschaftliches Gef\u00fcge besser verstehen lassen w\u00fcrden. Anstoss zum Erz\u00e4hlen bilden Einzelheiten, die in einen Verlauf gestellt werden. Und so sind Sebalds St\u00fccke idealtypische Verlaufsgeschichten, zuweilen linear und kurz, dann gebrochen, aufgeschichtet oder mit Einsch\u00fcben versehen, die selbst auch vielf\u00e4ltig auswachsen und komplex dastehen d\u00fcrfen, zumal alle Prosatexte mit Fotos des Autors durchsetzt sind, entweder die \u00e4ussere Wirklichkeit abbildend oder bloss Dokumente, die im Text zur Sprache kommen, also auch Fotos beziehungsweise Bilder und Zeichnungen aus Dokumenten. Meine erste Lekt\u00fcre waren Die Ringe des Saturn, die unmittelbar daran anschliessende Austerlitz. Erst in der zweiten H\u00e4lfte des zweiten Buches entstand eine gewisse Mulmigkeit: Je verzweifelter und abgr\u00fcndiger sich die Lebensgeschichte und der Terror gegen sie entfalteten, desto mehr machte sich ein Misstrauen breit. Die Best\u00e4tigung dann im Internet, dass Sebald in allen Prosatexten die Fakten mit Phantasien erweitert, brachte wieder Ruhe in den Lesefluss, so dass ganz der objektiven Erfordernis der St\u00fccke gefolgt werden konnte, die Darstellung von Stimmungslagen genau ins Auge zu fassen und nicht die Einzelfakten auf ihre Verl\u00e4sslichkeit hin zu \u00fcberpr\u00fcfen. Man akzeptiert, dass in einem Text konstruiert wird, um einen komplexen Zusammenhang wie den Lebensverlauf (recte: Sterbensverlauf) im Holocaust als Gesamtbild darzustellen, dessen Grauen nicht durch die Summe empirischer Gegebenheiten als verst\u00e4ndliches Gebilde f\u00fcglich gezeichnet werden k\u00f6nnte; denn das Grauen selbst ist nicht mehr verst\u00e4ndlich und zuinnerst also die L\u00fcge selbst.<\/p>\n<p>Doch wie weit darf ein Autor im literarischen Erfinden der L\u00fcge Raum geben? Wenn erst einmal deutlich geworden ist, dass die L\u00fcge als Fiktion ihren Platz im Textgef\u00fcge innehat, wo immer sie hineinpasst, wird die Lekt\u00fcre strapaziert, weil es meistens nicht m\u00f6glich ist, sie zu durchschauen oder dann, wenn man eine vermutet, ihren Sinn klar zu erkennen. Da die Fotos keine Quellenangaben enthalten, betrachtet man sie des \u00f6fteren mit Ver\u00e4rgerung, insbesondere in den zwei B\u00fcchern Austerlitz und Die Ausgewanderten, da sie Authentizit\u00e4t suggerieren sollen, zuweilen aber, ist man erst dem Trick auf die Schliche gekommen, in aller Offensichtlichkeit vom Autor fingiert worden sind, manchmal launisch und ohne rechte Intention, manchmal den Gang der Geschichte erst konstituierend. Dieses schuldhafte, l\u00fcgenhafte Phantasieren kippt in Phantasterei um, wenn Ereignissen und Gegebenheiten Koinzidenzen und Beziehungen unterschoben werden, wo es peu \u00e0 peu doch allen LeserInnen d\u00e4mmert, dass weder die eine noch die andere Seite solcher Beziehungen der Realit\u00e4t entnommen ist. Nur der Autor scheint unverfroren an seine Texte zu glauben, in denen er sich h\u00fctet, aus einer zwar warmen und angenehmen, nichtsdestotrotz wabernden Sprache der Romantik auszubrechenden und in ihr selbst anzudeuten, wie denn dem Geschilderten begegnet werden m\u00fcsste. Alles geht in den Texten seinen normalen, realen Gang, der das Reale selbst darstellen soll. So wundert es denn mit der Zeit nur wenig, dass das Ungl\u00fcck der gejagten Juden nicht mehr aus den Handlungen bestimmter gesellschaftlicher Akteure abgeleitet wird, sondern als Ungl\u00fcck an sich in der Existenz \u00fcberhaupt gesehen wird (dem historischen Existentialismus hatte der junge Sebald noch widersprochen), ganz aus dem romantischen Abhub herausgefischt in der unendlichen und abgr\u00fcndigen Natur des Menschen. Es gibt aber das Recht nicht, die Dialektik von Natur und Geschichte ausser Kraft zu setzen. Man muss benennen: es sind die br\u00fcllenden F\u00fchrer, die die Parolen ausgeben, es sind die Medien, die sie wie Mist \u00fcbers Volk verzetteln, und es sind im Staatsapparat die WissenschafterInnen, TechnikerInnen, \u00c4rztinnen und Dienstpersonen, die die immer faschistischer werdenden Regeln in den Alltag \u00fcberf\u00fchren. Man darf sich nicht dazu verleiten lassen, alles als schlecht zu qualifizieren, wenn das gesellschaftliche Schlechte zur Sprache kommen soll. Bei Sebald, der das Ungl\u00fcck von Anfang an zum Thema hatte, d\u00fcnkt es einen in zunehmendem Masse vernebelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sebalds Werk beschreibt eine Flugbahn, deren Ausgangspunkt eindeutig dasteht, deren Zielgebiet in der Lekt\u00fcre zuweilen nur unklar seine Konturen zeigt. Die Kurve zwischen den beiden Polen bildet eine Spannung, die sowohl die Lekt\u00fcre der Einzelst\u00fccke als ganze wie in den Einzelpassagen bestimmt. 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