{"id":153,"date":"2007-08-19T15:23:08","date_gmt":"2007-08-19T14:23:08","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=153"},"modified":"2007-08-19T15:23:08","modified_gmt":"2007-08-19T14:23:08","slug":"thomas-pynchon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=153","title":{"rendered":"Thomas Pynchon"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber eine Kunst zu schweigen, nur weil sie zuviel Problematisches enth\u00e4lt, w\u00e4re feige. Jede muss ihr Material, der Gesellschaft entliehen, in sich selbst entwickeln, und dass es \u00fcber die Gesellschaft und die wahre Wirklichkeit hinausgeht, trennt sie wesentlich von der Theorie. Wie der Bogen gespannt ist, macht die Qualit\u00e4t des R\u00e4tselhaften in ihrer Entzifferung aus &#8211; und f\u00fchrt zur Ablehnung, wenn er \u00fcberspannt wird.<\/p>\n<p>Die fr\u00fchen Kurzgeschichten von Thomas Pynchon in Sp\u00e4tz\u00fcnder (1958-1964, dt. 1985) zeigen einen fr\u00fch gereiften Autor, dem man wohl auch ausserhalb einer historischen, organisierten Lekt\u00fcre, die nicht der Entstehungsgeschichte folgt, sofort vertraut h\u00e4tte, sowohl sprachlich wie im Aufzug und der Anlage der Sprachgebilde. Das Unwahrscheinliche tritt einzig als Moment auf, das die Geschichten erz\u00e4hlw\u00fcrdig macht, als das Besondere im Allgemeinen einer historischen Wirklichkeit, bloss hervorgehoben und leicht stilisiert, nicht verf\u00e4lschend. Ganz am Rand winkt der Name eines Arztes, bei dem sich die deutschsprachige Zunge verknoten will und der in einem sp\u00e4teren Werk zentral erscheint, dem in Wirklichkeit aber kein gelebter Eigenname entspricht: Slothrop &#8211; heute treibt er als heissgeliebter \u00dcbername im Popuniversum sein Unwesen, allein von Google im Ralen notd\u00fcrftig zusammengehalten.<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste Werk, von 1965, liest man als erweiterte Shortstory (deutsch 1973 als Die Versteigerung von Nr. 49) und enth\u00e4lt doch schon die Materialien der folgenden grossen: viel Alkohol, Drogen, Sex als Abfolge de Sadescher Cabaretnummern, Arien (in der Lekt\u00fcre zu singende Songs mit pr\u00e4zisen Angaben), Verschw\u00f6rungsgebilde in einem immens verzweigten Ge\u00e4st, Bezugnahme auf Komponisten wie Stockhausen. Die Geschichte ist ordentlich spannend &#8230; und floppt wie ein Krimi, in dem der M\u00f6rder schlussendlich doch nicht auszumachen ist. Das Grossartige liegt weniger im Plott als dass 1965 schon etwas zur Darstellung gelangt, was sich erst in den darauf folgenden Jahren breit entwickelt; deshalb darf man Pynchon nicht nur als Zeitzeugen der Popkultur verstehen, sondern geradewegs als einen ihrer Akteure selbst, und keineswegs als ihr schm\u00e4chtigster.<\/p>\n<p>1973 wird Gravity&#8217;s Rainbow ver\u00f6ffentlicht, deutsch dann 1981 von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz als Die Enden der Parabel in einem Umfang von 1194 Seiten. Einige Sexszenen sind zwar kaum zu ertragen, lassen sich aber, da auf wenige Seiten beschr\u00e4nkt, \u00fcberlesen; sie sind nicht wirklich problematisch. Schwieriger ist es, abzusch\u00e4tzen, was die Geschichte \u00fcberhaupt will. Sie ereignet sich w\u00e4hrend der letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges und wird aus dem Blickwinkel nicht weniger Agenten, Gegen- und Doppelagenten gezeigt, darunter haupts\u00e4chlich eben auch aus demjenigen des Amerikaners Tyron Slothrop; sie will, wie es scheint, nichts weniger als die Antriebskr\u00e4fte des Krieges sichtbar machen. Solche konzentrieren sich um die Entwicklung der Technik, die abh\u00e4ngig ist vom Stand des technischen Wissens und dessen kapitalistischer Verwertung wie von der Triebstruktur derjenigen, die dieses Wissen produzieren, zun\u00e4chst rein theoretisch, schnell aber im Zusammenhang der Produktion handfester Technologien. Den Zusammenhang von Triebstruktur &#8211; vorz\u00fcglich in der Form des Sadomasochismus &#8211; und Technik ins Zentrum zu setzen und das Ideologische oder Politisch-Gesellschaftliche der einzelnen Staaten aussen vor zu lassen, ist sicher nicht falsch und hilft, den Hintergrund auch gegenw\u00e4rtiger Kriege transparenter zu machen, als abh\u00e4ngig von Interessen Einzelner; ja, es ist dies eine Kleinklasse heute, mit Vasella, Gates und nur wenigen anderen in der Compagnie (die wirklichen und reinen Waffenproduzenten und Kriegstreiber kenne ich nicht). Und doch kippt die Einsch\u00e4tzung des Romans ins Gegenteil, das nun dasteht als eine Ansammlung pubert\u00e4rer L\u00fcgengeschichten, die dem Grauen Hohn sprechen, ganz einfach dadurch, dass sie es verschweigen. Unertr\u00e4glich wird das Vorgetragene, wenn es auf dem Niveau der James Bond-Filme Slapsticks aneinanderreiht, die einem mit jeder Pointe nur lauter ins Ged\u00e4chtnis und ins Gewissen rufen, dass das Ganze doch \u00fcber der H\u00f6lle des Holocausts geschieht. Man muss wohl vollgedr\u00f6hnt sein oder der Paranoia der S\u00fcchtigen aus freiem Willen alle Vorz\u00fcge gew\u00e4hren, wenn man w\u00e4hrend der langen Lekt\u00fcre das Buch von seinem unterlegten Sinn entbinden und den Antisemitismus nicht als tieferliegende Voraussetzung zu den im Text angesprochenen wahrnehmen will.<\/p>\n<p>Vineland von 1993 und deutsch 1995 erweitert das Szenario des popkulturellen Fr\u00fchwerks der Versteigerung von Nr. 49, indem die Geschichte auf gem\u00e4ssigten 480 Seiten zeigt, was aus den Hippies der sechziger Jahre geworden ist. Die unbedarfte Lekt\u00fcre macht einzig klar, dass diese Gruppe marginal geworden ist und in ihr selbst sich nur sehr weniges verdichtet, das mit der Gesellschaft im allgemeinen am Geschehen ist. Die ersten dreissig Seiten m\u00f6gen noch so virtuos und spannend dastehen &#8211; der Erz\u00e4hlfluss stirbt nachher ab, und das Kunstwerk vermag es nicht, einen Einblick in das R\u00e4tselhafte gesellschaftlicher Wirklichkeiten zu vermitteln. Hier ist es weniger der Irrealismus, der so wenig Erkenntnis freisetzt, als das gew\u00e4hlte Objekt selbst, die paranoische Drogenszene; ihr Einfluss auf die Gesellschaft ist einfach zu gering, als dass man nicht sagen m\u00f6chte: sollen sie doch denken was sie wollen (das Buch macht nicht die geringste Anspielung darauf, dass S\u00fcchte ein medizinisches und umgekehrt die Medizinisierung und Psychiatrisierung ein politisches Problem darstellen).<\/p>\n<p>Die beste Geschichte in den letzten drei Wochen d\u00fcnkt mich Masen &amp; Dixon von 1997, deutsch 1999, mit 1023 Seiten ein Werk, das wieder entschiedene Hingabe verlangt, also kaum ohne weiteres bei KonsumentInnen der Popkultur vorausgesetzt werden kann. Der eine (theoretischer) Astronom, der andere (handwerklicher) Geometer, werden Mason und Dixon von der englischen Royal Society nach S\u00fcdafrika geschickte, um dort 1761 den Durchgang der Venus vor der Sonne mit theoretischem Gewinn wissenschaftlich zu beobachten. Jahre sp\u00e4ter m\u00fcssen sie im Namen derselben Gesellschaft nach Amerika, um eine heikle Grenzberechnung durchzuf\u00fchren, der eine geometrisch l\u00e4ppische schnurgerade Grenzziehung nach Westen folgt, die nur Durchsetzungskraft (und also Gewalt) erfordert und deren messtechnicher Hintergrund &#8211; die Ausnahmslosigkeit in der Ziehung der Grenzgeraden &#8211; ungekl\u00e4rt bleibt. Auch sp\u00e4ter, zur\u00fcck in England, sind sie nicht definitiv getrennt, und es fehlt nicht viel, dass zwei Kinder von ihnen sich verheiraten w\u00fcrden. Alles Gute im Buch erscheint, als ob die grossen sp\u00e4ten Typoskripte von Arno Schmidt eine Fortsetzung gefunden h\u00e4tten: Phatanstereien und L\u00fcgengeschichten zuhauf, doch in ihrer Anh\u00e4ufung wohl dosiert und immer transparent auf einem erz\u00e4hlerischen Boden, der die reale historische Wirklichkeit nicht korrumpiert &#8211; man traut dem gew\u00e4hrten Recht auf Einsicht in die realen Abgr\u00fcnde der Zeiten der Aufkl\u00e4rung. Neben den einzelnen Geschichten, die von jedem Protagonisten des Buches vorgetragen werden k\u00f6nnen &#8211; es gibt unz\u00e4hlige, und die Mason-Dixon-Geschichte ist selbst schon eine solche &#8211; gibt es die phantasierten Biografien und die Legenden \u00fcber andere Lebewesen, haarstr\u00e4ubende Deutungen theoretischer Vorg\u00e4nge und solcher in der Natur unter erschwerten Beobachtungsverh\u00e4ltnissen, schliesslich am lustigsten die allm\u00e4hliche Verwandlung realer Szenen wie bei Schmidt in gespenstische oder sonstwie phantastische. Im Gegensatz zu den Enden der Parabel, und darin zerst\u00f6rt sich letztere als Kunstwerk ausserhalb der bloss ironisch-witzigen der Popszene, benutzt hier Pynchon die L\u00fcge nicht dazu, den Gang der Geschichte vorw\u00e4rts zu treiben. Indes haben auch andere RezensentInnen festgestellt, dass die einzelnen Phantasiegeschichten im vierten F\u00fcnftel des Buches eine eigent\u00fcmliche Eigenschaft aufweisen, n\u00e4mlich in sich zwar nicht ganz schlecht geformt zu sein, aber doch gegen\u00fcber dem Ganzen unmotiviert und etwas langweilig dazustehen &#8211; als h\u00e4tte einer sich trotz diverser Warnsignale durchgerungen, verstaubte Restst\u00fccke aus \u00dcbungszeiten weiter zu verwerten. Als Kind schaute ich oft zu, wie die Spaghettisauce vor sich hin k\u00f6cherlte &#8211; welch Graus, wenn die Mutter kurz vor dem Essen den K\u00fchlschrank \u00f6ffnete und die schwarzgebratenen Zuccettiresten, mindestens eine Woche alt schon, unter die duftende Sauce r\u00fchrte. Das war heftigster Pynchon avant la lettre. Die theoretische Aufgabe gegen\u00fcber dieser grossen Kunst w\u00e4re es, herauszufinden, welche Notwendigkeit es erforderte, theoretisch so weit &#8211; und spannend &#8211; abgest\u00fctzte Geschichten mit Unsinn zu \u00fcberfrachten, der im Lekt\u00fcremoment vielleicht lustig ist, das Gute im Text aber bis ins Innerste verf\u00e4lscht. Kann das Falsche im Gebilde die Menschen auf dem Weg fit machen, dem Falschen in der Gesellschaft entgegen zu treten? &#8211; Im Namen der Spaghettisauce ohne spitze Tomatenh\u00e4utchen und schwarzgr\u00fcne Zuccettiresten: Nein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber eine Kunst zu schweigen, nur weil sie zuviel Problematisches enth\u00e4lt, w\u00e4re feige. Jede muss ihr Material, der Gesellschaft entliehen, in sich selbst entwickeln, und dass es \u00fcber die Gesellschaft und die wahre Wirklichkeit hinausgeht, trennt sie wesentlich von der Theorie. 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