{"id":1347,"date":"2012-08-29T15:37:35","date_gmt":"2012-08-29T14:37:35","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=1347"},"modified":"2012-09-01T16:40:53","modified_gmt":"2012-09-01T15:40:53","slug":"arnulf-herrmann-wasser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=1347","title":{"rendered":"Arnulf Herrmann: Wasser"},"content":{"rendered":"<p>Gestern auf Bayern 4: Arnulf Herrmann, Wasser, Musiktheater in 13 Szenen, Libretto von Nico Bleutge, mit Sarah Maria Sun, Boris Grappe, Sebastian H\u00fcbner, J\u00f6rg Deutschewitz, Georg G\u00e4dker, Tobias Schierf, Schola Heidelberg, Ensemble Modern, Leitung Hartmut Keil, Aufnahme vom Juni 2012 an der M\u00fcnchner Biennale.<\/p>\n<p>Die Designeroper Wasser zeigt schnell schon ihre problematischen Seiten im thematischen Gehalt und in der musikalischen Sprache. Eine eigent\u00fcmliche Sch\u00f6nheit verzaubert, indem gruppierte Signalt\u00f6ne nicht nur als geh\u00f6rte Zeichen auf eine Deutung pochen, sondern durch mikrotonale Minimalabweichungen als aufgespaltene, nichtsdestotrotz einheitliche Formgebilde wirken, die ihre Pl\u00e4tze sowohl im hohen wie im mittleren und sehr tiefen Tonbereich einnehmen. Neben ihnen existiert nur noch ein einziges weiteres Formgebilde, simple Tonreihen, die wie Luftblasen im Wasser nur aufw\u00e4rts zum Zuge kommen. Der kompositorische Reduktionismus ist deswegen fragw\u00fcrdig, weil durch ihn das H\u00f6ren einfach zu schnell auf eine Metaebene abgleitet, wo es sich in zunehmendem Masse missmutig fragt, was solche exceptionelle Sch\u00f6nheit soll, reine aufsteigende Tonleitern, die zwischen reine Kleingruppen von T\u00f6nen gestellt sind. An die Diversit\u00e4t von R\u00fcckgriffen auf die Tonalit\u00e4t hat man sich l\u00e4ngst gew\u00f6hnt und bef\u00fcrwortet tapfer die Meinung, nicht alle gerieten ins Fahrwasser des Neoklassizismus. Das Problem ist anders. Es ist nicht die Sch\u00f6nheit in den einzelnen Kl\u00e4ngen, die nervt, weil sie nur durch den Bezug zur Tonalit\u00e4t erm\u00f6glicht wird, sondern die Weigerung, in dieser aus dem Archiv reaktivierten Tonsprache Bewegungen und Alterationen zuzulassen. Wie der restringierte Code eines Ungeistes nur immer sagen kann und vom Anderen gesagt h\u00f6ren will, dass etwas gut sei oder schlecht, vermeidet Herrmanns Kompositionstechnik jedes Modulieren oder Abdriften in unvorhergesehene Gebiete, um ja nicht den Anschein zu erwecken, es k\u00f6nnte ein Teil des Werkes oder gar mehrere Momente anders sein als sch\u00f6n. Erst nach dem Verklingen dieses neuesten St\u00fcckes aus der Sparte Musiktheater hat man das Gef\u00fchl, eine Stunde lang frommen MusikantInnen zugeh\u00f6rt zu haben, die erst gerade gelernt haben, diejenigen Noten auf ihren wundersch\u00f6nen Instrumenten zu spielen, die ausser einem kleinen, mikrotonalen Pfeil nach oben oder unten noch keine Vorzeichen n\u00f6tig haben. Gleich wie in der Musik f\u00fchlt man sich auch beim Erz\u00e4hlgeschehen wie an der Nase herumgef\u00fchrt, und auch hier missf\u00e4llt ein eigent\u00fcmlicher \u00c4sthetizismus. Wegen der genannten zwei Formgebilde sah ich mich st\u00e4ndig verf\u00fchrt, an Selbstmordphantasien zu denken, gegen die ich insbesondere in den Tr\u00e4umen zu k\u00e4mpfen habe &#8211; gerade wie dann auch wieder in der Nacht nach dem Konzert. Doch nichts im Vokabular, dem man lauscht, gibt einem Hinweise, in welche Richtung zu denken w\u00e4re, denn es ist von Anfang bis zum Schluss, der nicht musikalisch, sondern mit dem auf der B\u00fchne gesprochenen Wort &#8222;ausgezeichnet&#8220; beschlossene Sache ist, eines aus der Welt der Dekoration und der willk\u00fcrlichen Werbung. Statt das kritische Bewusstsein in Schwung zu setzen und das Nachdenken \u00fcber existentielle Fragen anzuheizen, schl\u00e4fert diese Oper ein. Das Leben immer schon nur als vergangenes, seine Geschichten Sedimente in einem T\u00fcmpel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern auf Bayern 4: Arnulf Herrmann, Wasser, Musiktheater in 13 Szenen, Libretto von Nico Bleutge, mit Sarah Maria Sun, Boris Grappe, Sebastian H\u00fcbner, J\u00f6rg Deutschewitz, Georg G\u00e4dker, Tobias Schierf, Schola Heidelberg, Ensemble Modern, Leitung Hartmut Keil, Aufnahme vom Juni 2012 an der M\u00fcnchner Biennale. 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