{"id":118,"date":"2007-01-12T15:19:12","date_gmt":"2007-01-12T14:19:12","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=118"},"modified":"2007-01-12T15:19:12","modified_gmt":"2007-01-12T14:19:12","slug":"wiederholung-und-verfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=118","title":{"rendered":"Wiederholung und Verfall"},"content":{"rendered":"<p>Die psychologische Erkenntnis, dass dem alten Menschen das Jahr schneller vergeht als dem jungen, weil nur die wenigsten Erlebnisse noch zu neuen Erfahrungen f\u00fchren, relativiert nicht nur Nietzsches Idee der Ewigen Wiederkunft des Gleichen als die eines im Alter Gefangenen, sondern auch die Hoffnung, die physische Reproduktion der Gesellschaft f\u00f6rdere im selben Zug auch ihre geistige in der Tendenz zum Besseren als dem Neueren. Wichtiger als die Kritik am allgemeinen ontologischen Status der Wiederholung, die nur das in die Tat umsetzt, was Nietzsche sein Leben lang selbst praktizierte, die R\u00fcckf\u00fchrung scheinbar grosser Gedanken auf die unmittelbaren Lebensumst\u00e4nde, ist die Wahrnehmung der Unm\u00f6glichkeit der Verwirklichung des Neuen, ein Untersuchungsthema, das selbst wieder gef\u00e4hrlich nah an Nietzsches Hypothese zu treten scheint.<br \/>Das Kind erf\u00e4hrt in den vielen neuen Erlebnissen, denen es pausenlos ausgesetzt ist, nicht wirklich Neues, sondern nur einfache Schemata auf unendlich vielen Feldern in allen denkbaren Variationen. Erst diejenigen Erlebnisse verdichten sich zu Erfahrungen, die in einem gewissen Bewusstsein oder in einem bewussten Abw\u00e4gen die neuen Dinge mit erinnerten (oder \u00fcberhaupt mit Erinnertem als Material) in Beziehung setzen k\u00f6nnen. Und durchl\u00e4uft es dann die Klassen seiner Schulen, zeigt sein individueller praktischer Umgang mit dem Wissen, wie es der Welt im Ganzen und wie den Herausforderungen alles Neuen gegen\u00fcbersteht. Sind die Impulse der Neugierde trotz der falschen Schule intakt geblieben, h\u00e4ufen sich die Erfahrungen des Neuen, wie auch die Gier nach ihm sich weiter steigert. Die Zeit wird in der Weise mit Neuem geradezu zugestopft, dass ihre Einheiten wie gedehnt erscheinen; st\u00e4ndig ist das wache Leben fordernden Aktivit\u00e4ten ausgesetzt, die von ihm immer schon gesucht worden waren. Das fr\u00fchkindliche Erleben inhaltsleerer Schemata geht zwar nie vollst\u00e4ndig verloren, mutiert jedoch fast g\u00e4nzlich zur bewussteren Erwartungshaltung, die vor jeder Erfahrung eingrenzt, was von ihr an Neuem \u00fcberhaupt wahrgenommen werden kann und was nicht; ohne sie, die nicht selten als explizites Vorurteil oder diffuse, aber gef\u00fchlsgeladene Ahnung in Szene tritt, bliebe alles Neue unterschiedsloses Chaos. Im Falle des gest\u00f6rten Erinnerns von Schemata hat man es mit einer organischen Wahrnehmungs- oder gleichwie einer psychischen Krankheit zu tun. Ist dagegen der Umgang mit den eigenen Vorurteilen blockiert, hat man es mit einem ideologischen Ph\u00e4nomen zu tun, dem durch geduldige Kritik wieder auf die Spr\u00fcnge geholfen wird. Diese praktische Kritik als intellektuelle Alltagsverrichtung ist der gew\u00f6hnliche Ausdruck der Gier nach Neuem, nichts Aufgesetztes, das die Gehalte approbierter Erfahrungen einander kindisch gegen\u00fcberstellen w\u00fcrde, um von oben herab urteilen zu k\u00f6nnen, was oder wer gut sei, was oder wer schlecht.<br \/>Da die Erfahrung der Welt im Ganzen scheitert und sich nur auf einzelne Gebilde auszurichten vermag, so komplex sie auch sein m\u00f6gen, muss in den Dingen eine Spur des Neuen objektiv schon gelegt sein, wenn gelingende neue Erfahrungen in der Wirklichkeit gemacht werden sollen. Solche Spuren des Neuen zeigen sich im hohen Alter nurmehr verwischt &#8211; dem jungen Menschen springen sie desto mehr f\u00f6rmlich ins Auge. Ist der Alte ein ge\u00fcbter Spurenleser, sieht er neben dem, was ihm als Wiederholung begegnet, feinste Indizien, die Neues auch in scheinbar ganz Altem zuerst vermuten, schliesslich auch aufst\u00f6bern lassen. Obwohl sich auch dem Ge\u00fcbten alles wiederholt, muss das Ganze, das sich immer geschwinder dreht und ohne Chance, in ihm aktiv mitzumachen, nicht zwangsl\u00e4ufig langweilig erscheinen. Im Gegenteil: das Wissen, dass in den Wiederholungen viel Neues als immer noch Unerkanntes verborgen liegt, macht das alte Leben sowohl zum schwierigen Ernst als auch spannend problematisch &#8211; auch Triviales kann nun Anlass zu Fragen sein nach dem Grund und der Ursache der \u00fcberall vorherrschenden Gewaltakte. Anders bei den Heranwachsenden, wo immer offensichtlicher die Intensit\u00e4t der subjektiven Neugierde in objektiv wahrnehmbare Langeweile zu kippen droht, weil die Spuren des Neuen in den Dingen, die fast ausnahmslos von der Kulturindustrie herangeliefert werden, eine Form angenommen haben, die zu verfolgen zwar lockt, selbst nie aber in eine andere Sache f\u00fchrt, weil sie in allen Waren dieselbe ist. Die Menschen werden sogar in katastrophischen Gesellschaftszusammenh\u00e4ngen langweilig, ohne es selbst zu merken, weil die Kritik, die sie selbstredend nach wie vor praktizieren, die fette Schicht auf ihren Erlebnisgegenst\u00e4nden, zu denen nach wie vor auch die schlechten der Herrschaftspraktiken weltweit geh\u00f6ren, nicht durchst\u00f6sst. Das historische Wissen \u00fcber die Dinge w\u00e4re heute zu gross, als dass es noch vorausgesetzt werden d\u00fcrfte. Der Alte kann den Jungen noch so vielf\u00e4ltig demonstrieren, dass ihr vermeintlich Neues schon in seinen jungen Jahren alt sich zeigte: sie werden immer in der Formel sich sch\u00f6nreden, er lehne ihr eigenes Neues von heute allein deswegen ab, weil es eben neu sei. Was tun, wenn nicht mehr gehofft werden darf, weil das Neue so verfallen und abgeschliffen daherkommt, ja so daherkommen muss? &#8211; Die Pfropfen noch tiefer und schmerzhafter in die Geh\u00f6rg\u00e4nge hinabstossen, um der Mediengewalt aus der Nachbarschaft nervlich weiterhin widerstehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die psychologische Erkenntnis, dass dem alten Menschen das Jahr schneller vergeht als dem jungen, weil nur die wenigsten Erlebnisse noch zu neuen Erfahrungen f\u00fchren, relativiert nicht nur Nietzsches Idee der Ewigen Wiederkunft des Gleichen als die eines im Alter Gefangenen, sondern auch die Hoffnung, die physische Reproduktion der Gesellschaft f\u00f6rdere im selben Zug auch ihre [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=118"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/118\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=118"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=118"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=118"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}