{"id":1134,"date":"2012-01-10T17:35:12","date_gmt":"2012-01-10T16:35:12","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=1134"},"modified":"2012-01-10T17:35:12","modified_gmt":"2012-01-10T16:35:12","slug":"zeit-und-stein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=1134","title":{"rendered":"Zeit und Stein"},"content":{"rendered":"<p>Bekanntlich scheiterte Heidegger im fr\u00fchen Hauptwerk Sein und Zeit nach dem ersten Teil, weil die epistemologischen und ideologischen Voraussetzungen ihm den Blick auf die Zeit, der dem auf das Sein h\u00e4tte zu entsprechen verm\u00f6gen, verstellten. Zumindest epistemologisch leben wir in einer g\u00e4nzlich anderen Welt, von der ein schweres Buch ein formidables Zeugnis abliefert:<\/p>\n<p>Kurt St\u00fcwe und Ruedi Homberger, Die Geologie der Alpen aus der Luft, Weishaupt Verlag Gnas, Zweite Auflage 2011.<\/p>\n<p>Der st\u00fcrmische Applaus in den Volks- und Gefolgsrezensionen provoziert nicht wenig dazu, Negatives der Publikation zun\u00e4chst einmal nicht im Verborgenen zu halten; das Werk ist gen\u00fcgend stark, diese Punkte im Verlaufe des Umgangs mit ihm als Bagatellen erscheinen zu lassen. Der Pilot Homberger fotografierte, &#8222;haupts\u00e4chlich&#8220;, mit einer Canon Mark II und deren Kitobjektiv 24-105 mm. Einige Bilder sind wegen der Objektivschw\u00e4che nicht optimal und enthalten in Randbereichen eine Unsch\u00e4rfe, die bei einem so gross angelegten &#8211; und grossartig durchgef\u00fchrten &#8211; Projekt unverzeihlich scheint, wenn sie teilweise auch Druckproblemen zugeschrieben werden muss (v\u00f6llig abgest\u00fcrzt Seite 49, als w\u00e4re der Brian\u00e7onnais-Mittelkontinent noch in voller Fahrt). Zu bem\u00e4ngeln sind weitere Fehler, die m\u00f6glicherweise vom Druck herr\u00fchren, etwa eine Unsch\u00e4rfe in der Bildmitte, also am Druckseitenrand und unabh\u00e4ngig vom Objektiv, auf der Doppelseite 178f mit einem irritierenden Farbstich auf der linken Gesamtseite (dieses Bild der Zugspitze ist im \u00fcbrigen eines derjenigen, das einen im Ungewissen h\u00e4lt, ob es sich um ein Panorama handelt oder um einen Bildausschnitt, dem es schlussendlich an Aufl\u00f6sung mangelt), dann auf einigen Seiten am oberen Bildrand viele weisse Dreckpunkte wie fr\u00fcher Staub auf Dias oder Negativfilmen. Die Panoramen sind selbstredend einzigartig (mein Favorit, den ich schon bei der \u00dcbergabe des Buchs vor vier Tagen entdeckte, zeigt den Arsch des Wallis, Seiten 56f), k\u00e4mpfen aber mit gewissen T\u00fccken des Zusammensetzens: der Walensee Seite 254 hat eine westliche und eine \u00f6stliche Farbh\u00e4lfte, dasselbe Panorama am rechten unteren Rand zwei L\u00f6cher wegen eines unkontrollierten Bildschnitts. Der Geologe St\u00fcwe benutzt ein paar Bergnamen, die mich befremden und die in einer zweiten Auflage h\u00e4tten korrigiert werden m\u00fcssen. Ein paar Male schreibt er der Dent de Morcles in Einzahl und m\u00e4nnlich, ebenso der Dent du Midi, auch der Gummfluh (234), ebenso als Fl\u00fcchtigkeitsfehler sind vielleicht erw\u00e4hnenswert Zwischenbergen statt Zwischbergen, Anzeind statt Anzeinde, Salier statt Salli\u00e8re und, t\u00e4ppisch, Schigebiet statt Skigebiet. Nat\u00fcrlich bin ich jedem Gutfreund, der mit dem Franz\u00f6sischen k\u00e4mpft &#8211; aber wenn einer an Universit\u00e4ten die Ausbildung mitbestimmt, sollte er sich klarmachen, dass die eigene Verwirrtheit auch die zuk\u00fcnftige sprachlich-begriffliche in der allgemeinen Gesellschaft weiter beg\u00fcnstigt statt aufzukl\u00e4ren. In Verh\u00e4ltnissen, wo jeder Erstsemestrige einer Bergwissenschaft selbstgemachte Bilder ins Netz stellt und aufs Geratewohl, also falsch kommentiert, d\u00fcnkt mich das nicht mehr verantwortbar.<\/p>\n<p>Der Laie stolpert \u00fcber viele Begriffe und Namen f\u00fcr die Zeitalter, die Prozesse, die Schichten, die Gesteine mitsamt ihren chemischen Komponenten. Doch schon nach wenigen Seiten f\u00fchlt man sich wohl und geborgen, da ihre Korrespondenz mit den Bildern eine vertrauensbildende Sicherheit ausl\u00f6st nicht ungleich in der Musik, in der die Einzelereignisse auch nicht im Detail bewusst registriert sein m\u00fcssen, um ihrem Verh\u00e4ltnis zu den Strukturgebilden im eigentlichen musikalischen Verlauf folgen zu k\u00f6nnen. Wo sich bez\u00fcglich der geologischen Begriffe und Namen ein Interesse konkreter ausbildet, gibt das Internet die n\u00f6tige weiterf\u00fchrende Auskunft. Es d\u00fcnkt mich ein grosser Vorzug dieses Werks, dass es dem allgemeinen Hang zur Didaktisierung nur im Projektziel \u00fcberhaupt nachgegeben hat, nicht aber im beschreibenden Begriffszusammenhang. Auch wenn sich einer mit gewissen geografischen Gebieten noch nie abgegeben hat, kann er den br\u00fcchigen Traktat in einem Zug und vollst\u00e4ndig vom Anfang her bis zum Schluss durchlesen, weil die Buchereignisse nicht konkretistisch am Einzelnen kleben, sondern dem Neugierigen peu \u00e0 peu Einblick und ein Recht auf Einsicht in theoretische Zusammenh\u00e4nge gew\u00e4hren, die sonst nicht nur abstrakt, sondern bis auf ein Weiteres g\u00e4nzlich leer und unbeachtet geblieben w\u00e4ren. Mir scheint, das Buch w\u00fcrde alle Pl\u00e4tze der Alpen, die ich kenne, fotografisch und analytisch zuvorkommend pr\u00e4sentieren &#8211; ausser einem, dessen Fehlen mir aufst\u00f6sst: auf dem Gandhorn im Binntal hat man ein Panorama um sich herum, dessen geologische Partien vielf\u00e4ltiger nicht sein k\u00f6nnten. Leider fehlen mir auch nach der Kenntnisnahme dieses umfassenden Geologiebrockens die n\u00f6tigen begrifflichen Materialien, die mir diese wundersame Gegend, wenigstens gegen Westen hin, verst\u00e4ndlich machen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ich bin keineswegs dar\u00fcber erstaunt, dass die geologische Pr\u00e4sentation der Walliser Alpen aus der Luft zur \u00e4sthetischen Analyse ihrer Bergformen nichts beitr\u00e4gt. Das einzige bislang \u00fcbersehene Gruppenpaar, das sich neu f\u00fcr mich wechselseitig gewissermassen spiegelt, sind der Monte Rosa und die Mischabel auf Seiten 70f. Ihre Gesteinsformationen geh\u00f6ren aber zwei verschiedenen Komplexen an, die Mischabel ist Teil des schon erw\u00e4hnten Brian\u00e7onnais-Mittelkontinents, der Monte Rosa ein Haufen subpenninischer Gneise.<\/p>\n<p>Zu lernen w\u00e4re, wie die feurige Mutter Erde immer schon nur ein d\u00fcnnes M\u00e4ntelchen umgezogen hatte, die Asthenosph\u00e4re, auf der ihr \u00e4usseres steiniges Kleid aufliegt, als Lithosph\u00e4re im Gesamten, in sich aufgeteilt in diverse kontinentale und ozeanische Bereiche: die kontinentalen eher weich, die ozeanischen eher hart. Durch diese einfache Differenz stehen sie zueinander in einem prozessualen Verh\u00e4ltnis, das weiter dadurch angetrieben wird, dass ihr Untergrund gleichermassen Spannungen in ihnen selbst erzeugen kann, wie sie simpel die Vulkane auch heute noch zeigen. So kommt es, dass die Einheiten in verschiedenen Zeitaltern verschieden gross und an verschiedenen Orten der Erde positioniert sein k\u00f6nnen. Kontinente wie Ozeane k\u00f6nnen sich dehnen und zusammenziehen, senken oder heben, in der Tat so, als ob sie den Prozess selbst ausl\u00f6sen w\u00fcrden. Die Folgen solcher innerer Prozesse sind die Bildung von Meeren und ihr Verschwinden. Da sie allesamt auf der asthenosph\u00e4rischen Unterlage nicht ein f\u00fcr allemal verankert sind, k\u00f6nnen sie aufeinander zutreiben, direkt oder seitlich, unter dem einen abtauchen, einen anderen unter sich herabstossen. Aufget\u00fcrmte Gesteinsformationen zerfallen in Erosionsgesteine, die in ein tiefes oder in ein flaches Meer abgelagert werden. Alle Gesteine, abgelagerte oder kontinentale, k\u00f6nnen in Verh\u00e4ltnisse geraten, die aus grossen oder kleinen Drucken mit grosser oder kleiner Hitze bestehen: sie erfahren eine Metamorphose und in derselben chemische Zus\u00e4tze, Varianten und Defizite &#8211; sie werden metamorph. Bestimmt man die solcherart entstandenen Schichten als Decken mit unterschiedlicher M\u00e4chtigkeit, versteht man leicht, wie solche Einheiten kompakt \u00fcber grosse Distanzen verschoben, gefaltet, aufget\u00fcrmt, zusammengestaucht, hinuntergestossen, aufgetrennt und zerst\u00fcckelt werden k\u00f6nnen, so dass Gesteine, die zeitlich aus gleichf\u00f6rmigen Verh\u00e4ltnissen stammen, geografisch weit entfernt voneinander, auf verschiedenen H\u00f6hen und \u00fcber oder unter widerspr\u00fcchlichen &#8222;Decken&#8220; gefunden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es erstaunt, dass GeologInnen so wenig Interesse an der Musik von Pierre Boulez zeigen, die so viel mit dem Konzept der geologischen Decken gemein hat. Wagner definierte seine eigene \u00c4sthetik als Kunst des \u00dcbergangs, Adorno diejenige Bergs als Kunst des kleinsten \u00dcbergangs. Die Musik besteht aus Komplexen, und es gibt die \u00dcberg\u00e4nge von einem zum anderen. Diese Komplexe sind bei Boulez einem inneren Prozess ausgesetzt, der dem der geologischen Geschichte verbl\u00fcffend stark \u00e4hnelt. F\u00fcr die n\u00f6tige Erweiterung des epistemologischen Horizonts heute w\u00e4ren gerade diejenigen Werke zu empfehlen, die schon im Titel eine Affinit\u00e4t zur Geologie vermuten lassen, Le Marteau sans Ma\u00eetre und, insbesondere in der neuesten Fassung, wie sie 2011 mehrmals zu h\u00f6ren war, Pli selon Pli. Auch ohne die Strukturbl\u00f6cke aus der Partitur eines Werks herauszulesen oder gar ihren Zusammenhang analysiert zu haben, h\u00f6rt man, und das macht sowohl die Kunst der Werke von Boulez aus wie sie sie von Wagner und Berg abhebt, wie die Einzelmomente von einem Ort herkommen, der weit im Vergangenen liegen kann, auf Komplexe verweisen, die alsogleich aufscheinen und in denen sie verschwinden, um in einer ganz anderen Gestalt und in einer anderen zeitlichen Ordnung wieder auf sich aufmerksam zu machen. Die geologische Begrifflichkeit, die Einzelkomplexe &#8211; Gebirge &#8211; und die Alpen insgesamt analytisch zug\u00e4nglich macht, kann auch beim H\u00f6ren der Musik innerlich aktiviert werden. Trotz der gegenteiligen Versicherungen von L\u00e9vi-Strauss hatte der ethnologische Strukturalismus eine Tendenz zur Philosophie, in der eine Urstruktur die Momente aller Strukturen dirigiert, statt die M\u00f6glichkeit offen zu halten, dass einzelne Strukturen sich eigensinnig verhalten und kommunikativ nicht weiter integrier- und reduzierbar sind. Gerade solches wird mit dem geologischen Begriff der Decke, der metaphorisch den der Schicht abl\u00f6st, verst\u00e4ndlich: dass ein \u00e4usserst komplexes Gebilde, wie die Alpen eines sind und die St\u00fccke von Pierre Boulez immer wieder, seine Momente nicht auf eine einzelne Struktur &#8211; einen Kontinenten &#8211; reduzieren k\u00f6nnen muss, um lesbar und verst\u00e4ndlich bleiben zu k\u00f6nnen, sondern von verschiedenen und unterschiedlichen, ja widerspr\u00fcchlichen, zehren kann. Man ger\u00e4t dann von der analytischen Rekonstruktion von Strukturen zu einer von Zeiten. Mich d\u00fcnkt, bei Boulez lernt man das immer schon w\u00e4hrend des H\u00f6rgenusses und in den Alpen beim Spazieren: beim variablen Lesen der Formgebilde aller sichtbaren Berge.<\/p>\n<p>Zusatz: Die Umstellung im Titel, der Sein und Zeit nach\u00e4fft, ist bedeutungslos. Ich machte sie, um nicht mit einem Buchtitel zu kollidieren, dessen Inhalt ich nicht kenne. Auch auf Heideggers sp\u00e4te kleine Schrift Zeit und Sein wird nicht angespielt, da ich sie nicht mehr pr\u00e4sent habe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bekanntlich scheiterte Heidegger im fr\u00fchen Hauptwerk Sein und Zeit nach dem ersten Teil, weil die epistemologischen und ideologischen Voraussetzungen ihm den Blick auf die Zeit, der dem auf das Sein h\u00e4tte zu entsprechen verm\u00f6gen, verstellten. 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