{"id":112,"date":"2006-12-28T17:51:14","date_gmt":"2006-12-28T16:51:14","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=112"},"modified":"2006-12-29T16:33:46","modified_gmt":"2006-12-29T15:33:46","slug":"auf-grenzland-der-kulturindustrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=112","title":{"rendered":"Auf Grenzland der Kulturindustrie"},"content":{"rendered":"<p>Der ausgebildete Werkfotograf Peter Ammon (1924), der seit dem Krieg f\u00fcr Grossbetriebe, Architekten und Theater arbeitete, zog in den F\u00fcnfzigerjahren des 20. Jahrhunderts des l\u00e4ngeren in Ferien- und freien Wochenendzeiten durch die l\u00e4ndlichen und bereits bergigen Landschaften der Schweiz, keineswegs um deren Natur abzubilden, sondern um gezielt Momente des Gesellschaftslebens, die damals schon am Verschwinden waren, in bester fotografischer Qualit\u00e4t mit modernsten Techniken massenhaft reproduzierbar darzustellen, die serbelnde Unmoderne in der Moderne in derem avanciertesten Medium. Als einer der ersten schuf er farbige Mittelformatdias, mit dem Apparat einer Schweizer Firma, die auch heute noch f\u00fcr die Fachfotografie massgeblich zu sein scheint: <a href=\"http:\/\/www.sinar.ch\">Sinar<\/a> (die Website ist so schlecht, dass es unm\u00f6glich ist, \u00fcber Zweck, Funktionsweise und Qualit\u00e4t der einzelnen Apparate Einblicke zu gewinnen: erst kaufen, dann schauen). Dabei setzte er zuweilen auch im Freien ein Ensemble von Scheinwerfern ein, das selbst eine kleinere Theaterb\u00fchne gut ausgeleuchtet h\u00e4tte. Nicht dass ihm kein Erfolg beschieden gewesen w\u00e4re; aber nach dem Erscheinen der Bilder in hiesigen Wochen- oder Monatsschriften und als Kalenderbl\u00e4tter haben sie sich nicht weiter \u00fcberliefert, sondern fristeten ihr weiteres Dasein in Schachteln des Sohnes, der sie in den letzten Jahren dank digitaler Technik zu neuem Leben erweckte und in Zusammenarbeit mit dem Enkel des Sinarfotografen als geschlossenes Buch publizierte, wenigstens 125 von \u00fcber tausend: Peter Ammon, Schweizer Bergleben um 1950, <a href=\"http:\/\/www.aura.ch\">Aura<\/a> Fotobuchverlag Luzern 2006 (so wundersam unverst\u00e4ndig der Name der Fotoagentur, so schlecht montiert ist ihre Website, auf der die aktuelle Publikation sich nur mit M\u00fche aufst\u00f6bern l\u00e4sst).<br \/>Hatte die zeitgen\u00f6ssische Kritik bem\u00e4kelt, Ammon sei mit seinen Bildern &#8222;vor Anker gegangen&#8220; und w\u00e4re also hinter die Anspr\u00fcche der visuellen K\u00fcnste zur\u00fcckgefallen, geniesst man in ihnen heute ein Bewusstsein von Aura und deren Verschwinden in den Einzelgebilden, das die Dumpfheit Ankers blossstellt und zugleich gesellschaftliche Gehalte anh\u00e4uft, die in alten Zeiten nur die Literatur anzusprechen vermochte, einen aber so fremd und blind in ihnen stehen liess, dass man mit den Bildern jetzt den ganzen literarisch-diskursiven Zusammenhang zum ersten Mal zu erleben vermeint. Kein Bild der 125 ist \u00fcberfl\u00fcssig, keines verleitet zur anmassenden Phrase, weniger w\u00e4re mehr. Alle bringen sie ein gesellschaftliches Moment auf den Punkt, das f\u00fcr sich den Bildern der Idylle nahe st\u00fcnde, aber durch die konstruktiven Elemente die Reflexion so in Schwung versetzt, dass alles Fragw\u00fcrdige wie von alleine im Betrachten &#8211; Texte hat der Fotograf keine geschaffen &#8211; zur Sprache dr\u00e4ngt.<br \/>Weil im umst\u00e4ndlichen Prozess der damaligen Fotografie die Protagonisten nicht umhin kamen, sich selbst in Szene zu setzen, ist das vermeintlich Idyllische schnell durch Ironie und Witz gebrochen &#8211; das Arme, Armselige und \u00c4rmliche zeigt sich nicht als Schein, sondern in der Form unterschiedlich gelebter Momente von Lebenswelten, deren gesamtgesellschaftliche Bedingungen nunmehr weniger durch Auratisierung ausgeblendet werden als in der Vordergr\u00fcndigkeit der Inszenierung zwangsl\u00e4ufig mit aufscheinen. Man muss das Kritische hinzudenken &#8211; aber die Oberfl\u00e4chenreize dieser einzigartigen kulturindustriellen Warengebilde unterst\u00fctzen solches nicht wenig aus sich selbst heraus. Keine Melancholie vernebelt, wie es sonst bei alten Fotodokumenten geschehen will. Hier freut man sich mit allen Sinnen, bei einer Hausmetzgete dabei zu sein (Seite 50) oder mit einer appenzellischen Punklady, umh\u00e4ngt mit einer urt\u00fcmlichen Gitarre, auf der B\u00fchne zu stehen (Seite 81). Das ferne Alte wirkt um so n\u00e4her, als man es den gesellschaftlichen Anspr\u00fcchen der Zeit nach verneinen m\u00f6chte; umgekehrt bekommt man im langen Schauen, das nur ein Buch oder eine Website erm\u00f6glicht, nicht wenig Lust, die Protagonisten auch als Akteure gegen das Negative zu sehen, nicht nur als Opfer. Das macht die Bilder im innersten aktuell.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der ausgebildete Werkfotograf Peter Ammon (1924), der seit dem Krieg f\u00fcr Grossbetriebe, Architekten und Theater arbeitete, zog in den F\u00fcnfzigerjahren des 20. 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