{"id":106,"date":"2006-12-08T19:31:42","date_gmt":"2006-12-08T18:31:42","guid":{"rendered":"http:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=106"},"modified":"2006-12-08T19:31:42","modified_gmt":"2006-12-08T18:31:42","slug":"pein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/?p=106","title":{"rendered":"Pein"},"content":{"rendered":"<p>Frei aller Geschichtspessimismen geh\u00f6rt es zur Logik des Zerfalls, das alte Theologumenon von der Sch\u00f6pfung des einen Sinnes, aus dem die Begriffe entspringen, so ernst zu nehmen, dass sie sie aus den neuesten gruppiert, die der Wissenschaftsprozess freigibt, wie sie dieselben auf die historisch \u00e4ltesten zur\u00fcckbezieht, um dem Gehalt, der vor aller Reflexion in ihnen steckt, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die Erfahrung vor genau zwei Wochen an jenem Platz, der sich sch\u00f6n aber in der ersten unvorbereiteten Begegnung wie Lambarene gezeigt hatte, mit einer steilen und absch\u00fcssigen Treppe durchs Buschwerk, die einen mit Blick auf die Verfallserscheinung einzelner Stufen die Liane zu suchen dr\u00e4ngte, mit Backdoorsounds aus einem Bushrecorder ohne Forellenmaske und mit Einstein hinter dem Schweizer Kreuz wie einem soldatischen Abwehrschild, zwingt, den fachmedizinischen Begriff des Schmerzes um den Zusatz zu erweitern, der gemeinhin als historisch \u00fcberlebt von ihm ferngehalten wird, dem der Pein. Der einstmals die Weihen des Perfekten Patienten genoss und sie stillschweigend verwandelte ins gesundheitsf\u00f6rderliche H\u00f6ren von Zappas Perfect Stranger, erfuhr sich selbst in der doppelten Unbeweglichkeit der mittleren Leibespartie gleichzeitig mit den oberen Extremit\u00e4ten als hilflos in allen Belangen, zurzeit m\u00f6glicherweise in einer nur schwachen Form, die aber angesichts des Falles, das neu entdeckte Alien m\u00fcsste herausgenommen werden, immense phantasieren liess. Die Erfahrung der Pein hier, in einem Umfeld nota bene mit optimaler medizinischer und pflegerischer Betreuung, war weniger die gegebene selbst als die der exakt phantasierten, die um nichts weniger Realit\u00e4t schufen. Anders als der Schmerz, der in seiner radikalen Ausgestaltung das Bewusstsein l\u00f6scht, treibt einen die Pein in einen Zustand des Fragens an einem Ort, wo nur eines z\u00e4hlt, nicht das Vergehen ins Nichts sondern das Hin\u00fcbergehen an einen anderen. Man fragt sich wie in der ersten Frage der Philosophie, die sich im Spruch des Anaximander gleich lebensverachtend und die einzelnen Akte der sozialen Ungerechtigkeiten \u00fcberspielend zeigt wie in allen Kulturen, wieso Strafe sein muss nach dem Verfliessen der Zeit \u00fcberhaupt, wieso sie immer schon Schuld anh\u00e4ufte aus sich selbst heraus. Wie in einer Pforte zeigt sich das Andere der Zeit, und man sp\u00fcrt das Falsche im Satz, Furcht und Schrecken w\u00fcrden den Tod als absoluten Meister erscheinen lassen: es ist die Pein mit ihrer Peinlichkeit des gestraft Werdens, die einen Blick auf ihn freigibt, und in der Tat auch ohne das Schreckmoment, dass er n\u00e4chstens zugreifen w\u00fcrde. Es bedarf wohl einer gewissen D\u00e4mpfung der Vertrauensseligkeit gegen\u00fcber der Aufkl\u00e4rung und einer gewissen Durchbrechung der Departementalisierung des Wissens, um die Tabuisierung des Irrationalen im Schmerz auszusetzen und die uralte b\u00f6se Strafe in ihm als Ph\u00e4nomen der Pein zu erkennen. Man f\u00e4llt indes damit solange nicht hinter die Aufkl\u00e4rung zur\u00fcck, als es getrennt vom Schmerz begriffen wird. Ist die Pein als eigener Begriff rekonstruiert, lassen sich die Anschauungen f\u00fcglich und endlos phantasieren, die ihm zugrunde liegen und die durch die Tabuisierung des Todes vergessen gingen.<br \/>Die reinste und massivste Erfahrung der Pein geschieht in der Folter, wo sich das Verh\u00e4ltnis des Wesens zum Supplement umkehrt und sich alle Vorg\u00e4nge auf die Pein ausrichten. Aber auch die Gefolterten k\u00f6nnen nichts \u00fcber den Tod sagen, weil selbst diese absolut substantielle Erfahrung eine bloss \u00e4sthetische bleibt. Im Verstummen gegen\u00fcber uns schweigen sie, von allen und allem abgeschnitten, \u00fcber ihn. Eine verwunderliche Hoffnung w\u00e4chst hieraus, die sich an den Glauben klammert, das Monstru\u00f6se wachse aus uns selbst, nicht uns entgegen aus dem Tod.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frei aller Geschichtspessimismen geh\u00f6rt es zur Logik des Zerfalls, das alte Theologumenon von der Sch\u00f6pfung des einen Sinnes, aus dem die Begriffe entspringen, so ernst zu nehmen, dass sie sie aus den neuesten gruppiert, die der Wissenschaftsprozess freigibt, wie sie dieselben auf die historisch \u00e4ltesten zur\u00fcckbezieht, um dem Gehalt, der vor aller Reflexion in ihnen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106"}],"collection":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=106"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=106"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=106"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueliraz.ch\/WordPress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=106"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}