Das Wallis als Konditorei

1. Juni 2010 um 9:57 Uhr von ur

Heute fälle ich den Entscheid, welcher Bezirk des Wallis als erster dafür ins Auge gefasst wird, alle Alpwirtschaften in ihm darzustellen. Obwohl ich nie daran gedacht hatte, sie eigens thematisch im ganzen zu sammeln, sind sie im Fotoarchiv doch grösstenteils schon vorhanden, wenigstens dann, wenn man sie eindeutig von den Mayens trennt. Diese äusseren Schwierigkeiten sind nicht von Bedeutung, weil es mir scheint, dass immer noch genügend Zeit zur Verfügung steht, diejenigen, die sich bis jetzt meinen Apparaturen haben entziehen können, doch noch einzufangen. Von mindestens zwei Alpen hege ich die Absicht, sie in ihren Verstecken ruhen zu lassen, um dem Wahn der Vollständigkeit einen Tritt versetzen zu können: Pontimia und L’Au de Mex. Die erste will ich schon seit drei Jahren besuchen, wird aber mit dem Seehorn einen würdigen Ersatz gefunden haben, und die zweite hat einen Zugang, dessen Steilheit der von Eril zusehr ähnelt, als dass ich dem Weg vertrauen möchte. Mehr als diese empirischen Mängel beschäftigt mich die phänomenologische Tschifra, eine sehr lange Zeit auf Bilder fixiert zu sein, deren wesentlicher Gehalt – die Qualität der Kräuter – durch Alpentörtchen bestimmt wird. Ein Bild kommt um so mehr in Frage, gezeigt zu werden, je mehr von ihrer Wesenskraft auf ihm zu sehen ist. Das vernebelt ein bisschen die Vorstellung, mit viel Lust an dieser Arbeit lange dran zu bleiben, was sich eleganter noch englisch zu verstehen geben lässt: What a mist! – - – Okay: Visp ist’s!

Gondoschlucht

31. Mai 2010 um 12:52 Uhr von ur

Beim Studieren der Wege und Fotomöglichkeiten zwischen Simplon, Gondo und Zwischbergen bin ich auf ein Bild gestossen, das man unbedingt aus seiner Einsamkeit retten muss. Mit diesem Link gelangt man auf eine Seite, die zuunterst eine Bildfolge enthält: http://www.hikr.org/tour/post9717.html. In dieser ist es das siebte Bild, das man ansteuern soll, oben Schnee, unten Schnee, und die grosse Mitte höllisch dunkel. Nun hat man das Bild mit dem Seehorn über der Gondoschlucht, aber noch zuwenig gross als dass es richtig wirken kann. Rechts unterhalb Zaza Pro muss man schliesslich noch auf einen Link gehen: Siehe in Originalgrösse.

Hier ist derselbe Link auf das Bild in Originalgrösse in einer unanständigen Form, weil man von da aus nicht zur Hauptseite des Autors gelangt (hikr.org ist so schlecht organisiert wie das Bild gut ist): http://f.hikr.org/files/87413.jpg.

Schade, schade, dass das Wenghorn für mich ausser Reichweite bleiben wird…

Gletscherschlange

18. Mai 2010 um 19:21 Uhr von ur

Endlich bin ich nicht mehr der einzige, der von Gletscherschlangen spricht: Brunelli hat eine erwischt – und natürlich in einem Ensemble von Bildern, die von gewöhnlich Sterblichen längst nicht mehr erreicht werden können:

http://vipere-passion.over-blog.fr/article-balade-a-travers-le-valais-50654198.html

Es zündet, zündet nicht

13. Mai 2010 um 9:42 Uhr von ur

In letzter Zeit drängt sich mir eine Bewertungsweise von Arbeiten, Werken und Gesamtwerken in den Vordergrund, die mich auch dann nötig und stimmig dünkt, wenn ihre mögliche Negativität nicht im geringsten mit einer Negativität ihres Gegenstandes zu korrespondieren braucht. Prominente Vertreter von Werken, die mir nicht zu zünden scheinen, obwohl sie nicht mit negativer Kritik zu konfrontieren wären, sind Schumann, Kafka, Benjamin, Beckett, Kurtag, Holliger. Obwohl sie alle Passagen, Werkteile, Einzelwerke und womöglich ganze Werkgruppen verfasst haben, die mich nach wie vor packen und die geschichtlich unverzichtbar sind, haben diese etwas in sich aufgenommen, nicht selten einen Typus von Subjektivität, von dem ich nicht mehr zwingend verspüre, dass ich unter dem Druck bestimmter Fragen oder existenzieller Stimmungen bei ihnen nachlesen oder nachhören sollte. Ihre historische und theoretische Absicherung im ganzen erscheint prekär – als müsste man sich bei ihnen unnötigerweise zusätzlich anstrengen, weil sie sich nur dem Schein nach den Fragen der Zeit stellen, um ungeschollten den eigenen, zu intimen, nachzugeben.

Dass etwas nicht recht zünden will, ist nicht nur Effekt einer schnöden Attitüde gegen aussen, sondern legt sich einem auch in der Selbstkritik nahe. Der Vollzug der begriffslosen musikalischen Analyse der Walliser Alpen reist mir fast den Kopf ab, weil für jedes Bild, das in einem abgesteckten Zusammenhang stehen soll, erinnerungsmässig das ganze riesengrosse Archiv abgefragt werden muss, jeder Bergteil von jedem möglichen Standort aus. Wegen eines einzigen Bildes, La Dent du Catogne, musste die Arbeit für drei Monate ausgesetzt werden (wo dann die Vögel am Fenster wie jeden Winter in den Mittelpunkt traten), weil ich zwar wusste, dass es da wäre, aber erst nach dieser langen Zeit bemerkte, dass ich es zwar immer vor Augen hatte und tatsächlich auch mehrmals anschaute, die gesuchte Felsplatte, die einen Viertel des Bildes abdeckt, aber einfach nicht wahrzunehmen vermochte. Die Realisation verlangt äusserste Anstrengung in äusserster Anspannung, nicht selten auch ein peinliches Unterdrücken von Gebrüll, wenn sich ein bestimmtes Bild nicht finden lässt. Und trotz der Qualen, die im Einzelfall die Lösung immer finden lassen, stehen die Seiten, die nun neu am Wachsen sind, weil La Dent du Catogne vorgestern Nacht endlich wieder erschienen war, für mich da ganz ohne zu zünden. Sie gefallen mir und dünken mich gefällig für ein grösseres Publikum, weil sie in der Tat das ganze Wallis in neuen Zusammenhängen verfolgen lassen und auch die Kräfte des Zusammenhangs spürbar machen, genau so, wie ich es mir über Jahre hin zu phantasieren wagte. Aber niemals sind sie wirklich unbelästigt von der Frage, worin die Erkenntnis im einzelnen oder ganzen zu bestimmen wäre. Als ob zu hoch gepokert worden wäre mit der Behauptung, man müsste das Wallis begreifen wie die Partitur eines musikalischen Werkes des vorwärts treibenden 20. Jahrhunderts, sagen sie zu allem immer auch: und jetzt? Wenn die Antwort in der Analyse in keinem Moment zwingend nachvollziehbar wird und die unanständige Frage aus Not wiederkehrt, fallen die Bildfassaden wie ein Kartenhaus zusammen, hinter dem nichts steht als die öde Fläche, auf der die Dramen der Gesellschaft ihre gewöhnlichen Kapriolen schlagen. Man darf aber nicht davon abrücken, ernste Dinge zu tun, die an den Zusammenhang von Existenz und Politik mahnen, um ein Ende der Despotien gegen die Natur und die Lebenden möglich – und zwingend – erscheinen zu lassen.

Flur- und Ortsnamen der Schweiz

7. Mai 2010 um 15:31 Uhr von ur

http://map.wanderland.ch/
ist eine gute Website, um sämtliche Flur- und Ortsnamen der Schweiz inklusive der Gewässer, Berge und Wälder, sofern sie nur auf den 50′000er und den 25′000er Karten eingezeichnet und ausgeschrieben sind, mittels Suchmaske ausfindig zu machen.

Für eine Hosensackkarte, die man nur für schwierig zu memorierende Passagen und Abzweigungen benötigt, ist diese Website http://ivs-gis.admin.ch/index.php?reset_session nach wie vor besser, weil sie trotz des langsamen Servers und der umständlichen Bedienung zwar auch ein nur gleich grosses Bild zum Druck freigibt, das sich aber besser aufhellen und gleichzeitig in deutlich grösserer Schärfe drucken lässt.

Da die Namen in der Landschaft orthografisch bekanntlich nie allgemein kodifiziert und also in den einzelnen Gemeinden von den verschiedenen BürgerInnen bis in gegenwärtige Zeiten verschieden geschrieben wurden, träumt man immer noch von einem Online-Archiv mit den Schweizer Landeskarten 50′000 und 25′000 in ihren verschiedenen Auflagen, in denen die Namen anders als heute festgelegt geschrieben wurden. Möglicherweise entstanden früher Fehler durch unverlässliche Gewährsleute – vielleicht aber wurde früher auch dem im engen Sinn lokalen Dialekt Rechnung getragen. (Ich habe einige Römerkarten geerbt, aber die Löcher in ihnen und die Lücken zwischen ihnen sind doch noch grösser als sie selbst.)

Waka / Jawaka

19. April 2010 um 20:31 Uhr von ur

Auf DRS 2 Diskothek im Zwei gehört, eine Sendung, die sich seit gewisser Zeit auf dem absteigenden Ast bewegt. Nach einer halben Stunde lauschte ich auf CD begierig Zappas Waka /Jawaka, einer Platte, die ich sehr oft und immer sehr gerne zu mir genommen hatte. Dabei überlegte ich mir, wieso Zappa eine besondere Stellung einnimmt, obwohl seine Musik doch auf der ganzen Ebene zur Kulturindustrie gehört und ihr von sich aus nicht aussen vor steht – seine Stücke sind als Werke nicht so gebaut, dass man sie anders hören müsste als die von Björk oder von sonstwem aus dem Radio. Wenn auch Waka / Jawaka in den Bläserstimmen dagegen sprechen mag, ist es doch so, dass gewöhnlicherweise in Zappas Aufnahmen die Instrumentalisten so tönen, als ob sie um einiges mehr geübt hätten als die MusikerInnen auf Studioaufnahmen oder Livemitschnitten anderer KünstlerInnen der effektiven Kulturindustrie. Es dünkt mich im Moment, dass es äusserst weniges ist, und etwas gar Wackeliges, was die grosse Kunst von der der Kulturindustrie zu trennen imstande ist.

Eyjafjalla

19. April 2010 um 2:19 Uhr von ur

Eine Serie von Träumen in überfüllten Zügen, in denen immer etwas von der Funktionsweise eines Rasierapparates entweder jemandem klargemacht oder in einem Video als Werbung oder Gebrauchsanweisung gezeigt werden soll. Immer geht etwas schief, und immer wird jemand beschuldigt, irgendetwas nicht begriffen zu haben. Ich bin einmal auf der Seite der Beschuldiger, einmal selbst der Beschuldigte. Das Ganze verläuft surreal wie Alice in Wonderland, ohne dass ich weder das Buch noch eine Filmfassung von ihm je gesehen hätte. Beim Aufwachen stelle ich mir vor, wie ich nach Island wandere, ungebeten bei Björk ins Haus trete und ihr die vergessene Kochplatte abdrehe. – Eine Sekunde nach dem Aufwachen, also immer noch halbwegs im Traum selbst, überlege ich mir, wovor man sich mehr zu fürchten hätte, vor der lotterigen, aus dem Lot geratenen Logik, in die die Psyche nach dem Ableben stürzt, wenigstens allem Anschein nach die meinige, oder vor derjenigen, in die die Menschheit schon heute zu stürzen droht.

http://picasaweb.google.com/102175391233488315229

http://languagelog.ldc.upenn.edu/nll/?p=2257

Oliver Nassen

15. April 2010 um 16:45 Uhr von ur

Gestern hatte ich auf DRS 2 ein gutes Interview von Thomas Meyer mit dem Dirigenten und Komponisten Oliver Nassen gehört, der mir noch unbekannt war. Dummerweise notierte ich den Namen nicht, so dass ich nach der Sendung am Internet nicht weitersuchen konnte. Typisch DRS 2 gibt es zu dieser Sendung, die offenbar von der Redaktion als eine Zumutung a priori fürs Publikum eingeschätzt wird, keine Notiz im Online-Programm, wo sich der Name herauslesen liesse. Ich wusste noch, dass er in Zürich vor kurzer Zeit Strawinsky dirigiert hatte, also los heute Nachmittag mit Googeln nach “Strawinsky Zürich”, aber nichts erscheint, das einen britischen Dirigenten mit “N”, wie mir im Gedächtnis zu haften bleiben schien, enthielte. Aber oha, es gibt einen Link im Programm, dank dem man die Sendung nochmals hören kann. Okay, wird gemacht, Hörer auf- und unter Strom gesetzt. Okay, noch ein Bisschen vom Hörspiel zuvor, macht ja nichts. Eine Minute vom schon gehörten Hörspiel, zwei Minuten vom schon gehörten Hörspiel, drei Minuten vom schon gehörten Scheiss, vier Minuten vom verdammt wie lange geht das noch!!!??? Endlich die Ansage: “Hören Sie eine Sendung über Oliver Nassen.” Danke!!! Nun also wieder googeln: Oliver Nassen… Nix die Laus! Alle britischen Komponistenlisten habe ich zuvor schon durchgeschaut, geboren 1950, Beginn des Namens mit N und jetzt eben der vollständige Name gar: Nassen, Oliver Nassen. Leider speichert der Browserverlauf nicht die exakten Googleanfragen, so dass ich jetzt nicht sagen kann, mit welchen Suchwörtern ich schliesslich fündig wurde. Immerhin kann ich andeuten, auf welche dunkle Weise. Bei all den Variationen, die ich aufgrund der erinnerten Stichwörter des Interviews durchführte, blieb ein Name stetig präsent, und heisst dieser mit Vornamen nicht auch Oliver?! Ja klar, er ist gefunden, und es gibt sogar ein paar Videos mit den Kinderopern, die zwar nicht mehr ganz so interessant ausschauen wie sie gestern getönt hatten, aber immerhin, ich werde ihn und seine Musik ernsthaft weiter verfolgen: Oliver Knussen.

Teleherrschaft

13. April 2010 um 14:51 Uhr von ur

Nach dem Zerhauen der regulierenden Taue der sogenannten sozialen Marktwirtschaft in den 1980er Jahren kommt es zu Veränderungen, von denen die einen der Tendenz nach global stattfinden und die anderen so in die Herrschaftsverhältnisse eingreifen, dass in ihnen die Unterdrücker dazustehen scheinen ganz ohne Unterdrückte. Einige Grossbanken nutzen die neuen Vorgaben dazu, alle Hindernisse der Moral über Bord zu werfen, um das reine Geldhecken zum Leitbild zu machen: die absolute Spekulation realisiert sich dann, wenn die Restmomente des Realen von ihr ausgeblendet werden. Die Kräfte, die sich daraufhin einstellen, sind immens. Die real wirtschaftenden Menschen erfahren sie wie der gewöhnliche Mensch in Afrika die ihn niederhaltende Macht seit dem Kolonialismus, mit einem Sitz immer schon ganz anderswo. Sie herrscht abgetrennt von den Instanzen der Verwaltung, die als demokratische zum Leben der Gesellschaft nach wie vor fruchtbare Beziehungen pflegt. Doch gegen die Herrschaft, die sie dem Wort nach repräsentiert, wirkt sie nur noch als Bollwerk, als ein Zweckbau, der sie absichert, indem er sie unsichtbar zu halten scheint. Dass man an Afrika nicht mehr denkt und Afrika vergessen hat, ist der eigentliche Sündenfall Euroamerikas, und es gibt keinen Zweifel daran, dass viele aus diesem Grund, der ihnen nicht ins Bewusstsein rückt, an einem schlechten Gewissen leiden. Fürs gesellschaftliche Bewusstsein ebenso gravierend ist aber die Ausblendung der historischen Tatsache, dass das Machtverhältnis in den nördlichen Ländern zu demselben geworden ist, das dort seit jenem Zeitpunkt herrscht, als seine Geschichte von aussen geschrieben wurde und nicht aufhört, von da aus der Fremde in Gang gehalten zu werden. Nicht im geringsten liegt die Lösung an einem bestimmten Ort im Parteienspektrum begraben, auf den die anderen negativ sich auszurichten hätten. Alle Parteien, die behaupten, in der Tagespolitik als Akteure mitzuwirken, müssen gleichermassen signalisieren, diese Umstände verändern zu wollen. Gut möglich, dass das Vertragswerk nicht in den einzelnen Staaten, sondern in einer globalen Instanz zu leisten ist, von wo sie es für sich selbst mit lokalen Anpassungen beziehen werden.

www.unctad.org

Alte japanische Biwa-Musik

9. April 2010 um 20:48 Uhr von ur

“Sie ist etwas umständlich”, sagt Silvain Guignard über die alte japanische Musik, der in Zürich wie ich in Bern vor dreissig Jahren musikwissenschaftliche Seminare bei Akio Mayeda besuchte, dann aber ganz nach Japan zog, um diese Musik bis ins Letzte zu studieren. Auf DRS2 jetzt ein Konzert gespielt 2009 in Basel, das den Bogen über 1000 Jahre Biwa-Tradition spannt: vom Mittelalter bis heute. Nächsten Freitag um 21 Uhr gibt es den zweiten Teil.

Der erste Teil der Sendung (nur ein paar Wochen lang): http://www.drs2.ch/www/de/drs2/sendungen/top/musik-der-welt/2704.sh10126282.html

Der Ausschnitt aus einem Film auf Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=Lu7aciWi448