Archiv für den 'Musik'-Themenbereich

Wagner heute, exakt heute

Samstag, 14. August 2010

France Music 18.00 Uhr: Parsifal vom 29. Juli

SWR2 20.05 Uhr: Siegfried vom 30. Juli (bei der Übertragung auf BR-Klassik hatte ich die ersten 20 Minuten, die besten, verpasst)

BR-Klassik 18.00 Uhr: Die Meistersinger von Nürnberg vom 2. August

Das Falsche in der Klassik

Freitag, 30. Juli 2010

Obwohl von einem Vorwärtsgehen in der Musik heute, soweit sie in den Medien überhaupt verfolgt werden kann – und das deutschschweizer Radio DRS2 verzichtet seit zwanzig Jahren hundertprozentig darauf – nicht die Rede sein kann, ist die Musik gesellschaftlich lebendig wie nie zuvor. Das ist den Interpretationsleistungen zu verdanken, die Werke aus Zeiten wieder aktuell werden lassen, die von unserer ferner nicht sein könnten, ihre Leistung aber in einer Weise vollbringen, die die Momente der unseren uns undringlich erscheinen lassen und die Werke selbst so, als ob sie in unserer Gegenwart erschaffen worden wären. Das Zweite Klavierkonzert von Beethoven Opus 19 mit Paul Lewis und dem Symphonieorchester der Stadt Birmingham unter Andris Nelsons gestern live via BBC auf Radio France Music war genau eine solche Aufführung, in der man jede Sekunde hätte sagen wollen, so etwas Bestes hat es noch nie gegeben wie dieses perfekte Musikstück, und dies in einer perfekten und zu keinen Zeiten mehr zu übertreffenden Interpretation. Im Zusammenhang eines solch absonderlich tief wirkenden Erlebnisses fällt es nicht schwer, die Momente aufzulisten, die objektiv fehlen, wenn die Musik als Zeugnis unserer Gesellschaft – derjenigen meines Lebens – gelten soll, ohne dass in der kritischen Aufzählung Spuren der Ablehnung eines Veralteten wirksam sein müssen. Was Beethoven gesellschaftlich erlebte und als Momente der Gesellschaft zur Erfahrung bringen konnte, musste Dämme überwinden, die wir nicht mehr kennen. Die vermittelten Ereignisse geschahen nie ausserhalb eines geografischen Radius, den wir als eng bezeichnen würden, und trafen zu einem Zeitpunkt ein, da es uns nur noch langweilen würde; die Nachricht war verzerrt und unverlässlich, als ob ein Kind naturwissenschaftliche Sachverhalte erklären würde. Desgleichen im Ungefähren mussten Entscheidungsprozesse reflektiert und diskutiert werden, die im nahen Raum geschahen, durch die gesellschaftliche Hierarchisierung aber dem Einzelnen gänzlich intransparent erschienen. Auch wer mit Widerspruchsgeist gesegnet war, war in den Konventionen, die von der Macht verlangt wurden, gefangen. Nicht zuletzt war jede Tätigkeit, jede wissenschaftliche, wirtschaftliche und künstlerische Praktik mit dem Mangel konfrontiert, der in allen Bereichen eine Reduzierung der Mittel aufs Nötigste voraussetzte. Das kennen wir nur in abgeleiteten Varianten und im ganzen eigentlich nicht. Auch mittellos gibt es Zugänge zu Aktivitäten, in denen von Mangel nicht die Rede sein kann, und sind Arbeiten nur gut genug geplant und geschickt vorbereitet, sind von vielen Seiten Zusatzmittel ins Spiel zu bringen, die auch schwierige Projekte am Laufen halten; desgleichen mögen Konventionen und Regeln sporadisch zwar stören, doch ihre Infragestellung wird von der Gesamtgesellschaft eher gefördert als im Keim schon abgewürgt. Die schlimmsten Mauern, die seit Beethovens Zeiten gefallen sind, waren in die Landschaften gezogen der ganzen Welt, sowohl räumlich wie zeitlich. Wir sind sie ledig, zumindest in der gegenwärtigen Mentalität des wachen Gesellschaftsmenschen unwiderruflich: wir wissen genau, was geschieht, in welcher Weise wo und wann, und wir wissen es jederzeit, sofort, und vermittelter – verlässlicher – nur kurze Zeit später. Und wir kennen sowohl die grossen wie die kleinen Zusammenhänge, weil die Wissenschaften das Wissen in vielen öffentlichen Wiederholungen zugänglich machen. Die Stellung des Einzelnen zur Gesellschaft – das einzelne Leben – ist um vieles anders geworden. Das Falsche, das es nur selten mehr an sich selbst erlebt, erfährt es in einem Zusammenhang, in dem der Einzelne als bewusster, vernünftiger Akteur tätig ist; es ist nichts, das zur Ferne gehörte, sondern bezieht sich direkt auf das Wesentliche der Gesellschaft, die als ganze wie eine einzige Lüge erscheint, die alles daran tut, das Falsche – die Ungerechtigkeit – im Überfluss der Waren jeden Tag neu vergessen zu machen, in einem Überfluss, in dem jede einzelne Stimme verstummt, auch die in der Kunst und in der Musik. Was in dieser aber geschieht, wenn sie sich ernsthaft auf die Gegenwart bezieht, ist, intentionslos, ein unablässiges Aufzeigen und Klarmachen, wie die Dämme, innerhalb derer früher die Dinge passierten und sie kleinwerden liessen, heute keine Hindernisse mehr bieten. Seit fünfzig bis hundert Jahren gibt die Musik ständig Zeugnis davon, dass wir existentiell aus der Enge heraustreten können, dass wir schnell reagieren können, dass wir den Zusammenhang, in dem die Dinge stehen sollen, uns nicht durch Konventionen diktieren lassen müssen, und dass aus dem, was als Ding da zu sein scheint, schnell neue Vielheiten entstehen können, in denen die vermeintlichen Tatsachen verwandelt dastehen. Die bewusste Musik der Gegenwart enthält einen Impuls, der äusserst stark mit den inneren Verhältnissen der neuen Realitäten korrespondiert, auch wenn die Ereignisse, die in ihnen statthaben, nicht zu ihren Gehalten gehören müssen. Das ist fast deprimierend deutlich wahrnehmbar in der Musik von Beethoven, wenn man vom vereinzelten Stück zurücktritt: dass die Bahnen in ihr zu eng gezogen sind, als dass sie mit der Sicht der Einzelmenschen auf die gesellschaftliche Realität noch zu korrespondieren vermöchte. Auch wenn sie als die beste erscheint und als das Beste, erweckt sie keine Sehnsucht danach, in jener Gesellschaft leben zu wollen, auf die sie sich notgedrungen bezieht.

Waka / Jawaka

Montag, 19. April 2010

Auf DRS 2 Diskothek im Zwei gehört, eine Sendung, die sich seit gewisser Zeit auf dem absteigenden Ast bewegt. Nach einer halben Stunde lauschte ich auf CD begierig Zappas Waka /Jawaka, einer Platte, die ich sehr oft und immer sehr gerne zu mir genommen hatte. Dabei überlegte ich mir, wieso Zappa eine besondere Stellung einnimmt, obwohl seine Musik doch auf der ganzen Ebene zur Kulturindustrie gehört und ihr von sich aus nicht aussen vor steht – seine Stücke sind als Werke nicht so gebaut, dass man sie anders hören müsste als die von Björk oder von sonstwem aus dem Radio. Wenn auch Waka / Jawaka in den Bläserstimmen dagegen sprechen mag, ist es doch so, dass gewöhnlicherweise in Zappas Aufnahmen die Instrumentalisten so tönen, als ob sie um einiges mehr geübt hätten als die MusikerInnen auf Studioaufnahmen oder Livemitschnitten anderer KünstlerInnen der effektiven Kulturindustrie. Es dünkt mich im Moment, dass es äusserst weniges ist, und etwas gar Wackeliges, was die grosse Kunst von der der Kulturindustrie zu trennen imstande ist.

Oliver Nassen

Donnerstag, 15. April 2010

Gestern hatte ich auf DRS 2 ein gutes Interview von Thomas Meyer mit dem Dirigenten und Komponisten Oliver Nassen gehört, der mir noch unbekannt war. Dummerweise notierte ich den Namen nicht, so dass ich nach der Sendung am Internet nicht weitersuchen konnte. Typisch DRS 2 gibt es zu dieser Sendung, die offenbar von der Redaktion als eine Zumutung a priori fürs Publikum eingeschätzt wird, keine Notiz im Online-Programm, wo sich der Name herauslesen liesse. Ich wusste noch, dass er in Zürich vor kurzer Zeit Strawinsky dirigiert hatte, also los heute Nachmittag mit Googeln nach “Strawinsky Zürich”, aber nichts erscheint, das einen britischen Dirigenten mit “N”, wie mir im Gedächtnis zu haften bleiben schien, enthielte. Aber oha, es gibt einen Link im Programm, dank dem man die Sendung nochmals hören kann. Okay, wird gemacht, Hörer auf- und unter Strom gesetzt. Okay, noch ein Bisschen vom Hörspiel zuvor, macht ja nichts. Eine Minute vom schon gehörten Hörspiel, zwei Minuten vom schon gehörten Hörspiel, drei Minuten vom schon gehörten Scheiss, vier Minuten vom verdammt wie lange geht das noch!!!??? Endlich die Ansage: “Hören Sie eine Sendung über Oliver Nassen.” Danke!!! Nun also wieder googeln: Oliver Nassen… Nix die Laus! Alle britischen Komponistenlisten habe ich zuvor schon durchgeschaut, geboren 1950, Beginn des Namens mit N und jetzt eben der vollständige Name gar: Nassen, Oliver Nassen. Leider speichert der Browserverlauf nicht die exakten Googleanfragen, so dass ich jetzt nicht sagen kann, mit welchen Suchwörtern ich schliesslich fündig wurde. Immerhin kann ich andeuten, auf welche dunkle Weise. Bei all den Variationen, die ich aufgrund der erinnerten Stichwörter des Interviews durchführte, blieb ein Name stetig präsent, und heisst dieser mit Vornamen nicht auch Oliver?! Ja klar, er ist gefunden, und es gibt sogar ein paar Videos mit den Kinderopern, die zwar nicht mehr ganz so interessant ausschauen wie sie gestern getönt hatten, aber immerhin, ich werde ihn und seine Musik ernsthaft weiter verfolgen: Oliver Knussen.

Alte japanische Biwa-Musik

Freitag, 9. April 2010

“Sie ist etwas umständlich”, sagt Silvain Guignard über die alte japanische Musik, der in Zürich wie ich in Bern vor dreissig Jahren musikwissenschaftliche Seminare bei Akio Mayeda besuchte, dann aber ganz nach Japan zog, um diese Musik bis ins Letzte zu studieren. Auf DRS2 jetzt ein Konzert gespielt 2009 in Basel, das den Bogen über 1000 Jahre Biwa-Tradition spannt: vom Mittelalter bis heute. Nächsten Freitag um 21 Uhr gibt es den zweiten Teil.

Der erste Teil der Sendung (nur ein paar Wochen lang): http://www.drs2.ch/www/de/drs2/sendungen/top/musik-der-welt/2704.sh10126282.html

Der Ausschnitt aus einem Film auf Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=Lu7aciWi448

Sinneswahrnehmung im Traum

Donnerstag, 8. April 2010

Ich höre, auf dem Bett liegend, stark erkältet und etwas fiebrig, laut unter Kopfhörern den Concentus Musicus Wien unter Nikolaus Harnoncourt mit Beethovens Christus am Ölberge op. 85, Konzert vom 21. März 2010 im KKL Luzern, jetzt gesendet auf DRS2. Dann, dieselbe Musik weiterhörend, lese ich Zeitung, blättere ein paar Seiten um. Das geht eine gewisse Zeit, bis ich mir sage, wie blöd ich bin, Beethoven zu hören und Zeitung zu lesen. Ich lege sie zur Seite. Ich höre weiter dem Beethovenkonzert zu wie vorhin, ohne Unterbruch und ohne Bruchstelle, sehe durchs Fenster und realisiere, dass es stockdunkel geworden ist. Im Zimmer gibt es nirgends eine Zeitung.

Darbellay, Requiem

Donnerstag, 1. April 2010

Jean-Luc Darbellay: Requiem für Soli, Chor und Orchester

Barbara Locher, Sopran, Liliane Zürcher, Alt, Rolf Romei, Tenor, Michel Brodard, Bass, Junge Philharmonie Zentralschweiz, Leitung: Emilio Pomàrico
Konzert des Lucerne Festival zu Ostern vom 26. März 2010 in der Jesuitenkirche Luzern, Radio DRS2, 1. April 2010, 20.00 Uhr (Scribble’s Disco 3 hat immer Winterzeitangaben)

Glücklich zu schätzen, wem dieses wundersam schöne Werk nachgesungen wird, und wer es hören durfte.

Trout Mask Replica 1969

Samstag, 27. Februar 2010

Electricity 1967

Samstag, 27. Februar 2010

Musikgeschichtlich Abschliessende

Donnerstag, 18. Februar 2010

Nach dem mehrmaligen Hören der zwei Streichquartette Bergs mit dem LaSalle Quartett gestern verfolgte ich diejenigen Weberns, nicht mit den Partituren, die in den Büchergestellen vergraben sind, aber immerhin mit den Tempobezeichnungen aus dem grossen Booklet. Wieder einmal kam es zur Erfahrung, von der schon einige meiner Generation zu erzählen wissen, dass derjenige, den man in der Jugend am meisten favorisierte, Webern, peu à peu verblasst und die Musik von Berg einen immer stärker und gehaltvoller dünkt. (Das Verhältnis zu Schönberg ist von dieser Spannung nicht betroffen – phasenweise setzt man sich mit ihm auseinander, mit unangetasteter Begeisterung, darauf folgen Zeiten, wo seine Musik im Hintergrund bleibt und, weil die Radiostationen verantwortungslos programmieren, auch “zufälligerweise” gar nicht mehr gehört wird.)

Diese Erfahrung ist über die ganze Geschichte der Musik verstreut zu machen, dass Komponisten, deren Werke objektiv in keiner Weise von negativen Qualitäten betroffen wären, trotz unbestrittener Meisterschaft einem erscheinen, als ob in ihnen die Musikgeschichte zum Erlahmen komme und nicht mehr weitergehen wolle – als ob sie nicht vom künstlerischen Willen besessen gewesen wären, dass Musik immer darin bestehen müsse, zu neuen Horizonten aufzubrechen. Mit etwas Peinlichkeit und ohne Vermögen, die Urteile in den Kompositionen als Texten selbst nachvollziehbar machen zu können – als wäre im Detail falsch komponiert worden – dünkt es mich nichtsdestotrotz erhellend, die historischen Komponisten in zwei Typen einzuteilen, in diejenigen, die die Musik vorwärtstreiben und diejenigen, die eine Phase abschliessen. Die Vorwärtstreibenden treten hinaus an die frische Luft, die anderen schliessen die Tür hinter ihnen zu oder, um Poe noch nicht ganz zu verlassen, die einen schliessen die Musik ein, als ob sie sich nicht mehr weiter entwickeln dürfe, andere treten die verschlossene Türe wieder auf, wie General LaSalle. Entscheidend ist nicht, was im Material herauszulesen ist und was eine nachfolgende Generation daraus für Schlüsse zieht, sondern was der Künstler in den einzelnen Werken daraus gemacht hat; entscheidender als das Material ist die ästhetische und philosophische Haltung, in der die Töne gesetzt worden waren.

So kommt es, dass heute, nachdem der Materialstand in Weberns Musik keine Unbekannte mehr enthält, anders als in der Mitte des 20. Jahrhunderts Webern stärker in den Sog der unprogressiven Komponisten und Komponistinnen zu geraten droht und denjenigen zugeordnet wird, bei denen die Vorstellung während des Hörens ihrer Musik schwierig ist, wie denn aus derselben etwas Neues entstehen sollte. Webern empfinde ich heute eher auf der Seite stehend von Händel, Mozart, Schumann (diese Musik erscheint mir seit je wie geschichtlich vakuumisiert), Mendelssohn, Tschaikowsky, Mahler, Sibelius, Strawinsky, Boulanger, Rihm. Umgekehrt macht es keine Mühe, Berg den Vorwärtstreibenden beizugesellen wie Monteverdi, Bach, Beethoven, Schubert, Wagner, Mussorgsky, Debussy, Ravel, Schönberg, Varèse, Cage, Boulez, Stockhausen, Nono, Saariaho.